Woran sich eine Bewertung konkret festmacht
Eine Bewertung bleibt so lange Geschmackssache, wie sie nur den Ton beurteilt. Belastbar wird sie erst, wenn jeder Satz an dem gemessen wird, was Art. 330a Abs. 1 OR verlangt: Ein Vollzeugnis muss sich zu Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie zu Leistung und Verhalten äussern. Wer stattdessen nur eine einfache Arbeitsbestätigung ohne jede Wertung möchte, kann das nach Art. 330a Abs. 2 OR verlangen, was aber selten im eigenen Interesse liegt. Das folgende Beispiel zeigt denselben Tätigkeitssatz zweimal: einmal so, wie er in vielen Betrieben im Kanton Zürich formuliert wird, und einmal so, wie er nach einer Bewertung aussehen kann. Ob überhaupt alle Pflichtteile vorhanden sind, klärt vorab das Vollständigkeitsprinzip, und zeigt die Bewertung Handlungsbedarf, ist der nächste Schritt, das Arbeitszeugnis korrigieren zu lassen.
Vorher (vage)«Herr Odermatt war bei uns für die Kundenbetreuung zuständig und erledigte die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer Zufriedenheit.»
Nachher (belegt)«Herr Odermatt betreute bei einem Pensum von 80 Prozent einen Stamm von rund 180 Firmenkunden und erfüllte seine Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.»
Drei Dinge haben sich verschoben: Der Umfang ist beziffert, das Pensum ist genannt, und die Zufriedenheitsformel steht mit «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» auf der obersten Stufe. Genau diese drei Punkte macht eine Bewertung sichtbar, unabhängig davon, ob der Text auf den ersten Blick freundlich klingt. Das Obligationenrecht schreibt keine Notenskala vor, deshalb entscheidet allein die Formulierung darüber, wie ein Zeugnis später gelesen wird. Wer die Endnote selbst einschätzen oder die Note rechnerisch nachvollziehen möchte, findet dazu eigene Seiten. Für das Kapitel über den Umgang mit anderen lohnt sich der Blick auf die Bewertung des Sozialverhaltens.
Typische Gründe, warum Menschen ihr Arbeitszeugnis bewerten lassen
Viele laden ihr Zeugnis nicht hoch, weil sie sicher sind, dass es schlecht ist. Viel häufiger geht es um ein ungutes Gefühl. Ein Satz wirkt komisch. Der letzte Absatz klingt kühl. Die Bewertung ist kürzer als erwartet. Oder das Zeugnis enthält zwar viele freundliche Wörter, aber keine klare Begeisterung.
Genau diese Unsicherheit ist ernst zu nehmen. Ein Arbeitszeugnis begleitet Sie oft über Jahre. Es kann bei Bewerbungen, internen Wechseln oder beruflichen Neustarts eine Rolle spielen. Wenn das Dokument schwach wirkt, merkt man das häufig erst dann, wenn Absagen kommen oder im Vorstellungsgespräch kritische Rückfragen auftauchen.
- Sie möchten wissen, welche Note Ihr Zeugnis ungefähr vermittelt.
- Sie haben einzelne Formulierungen gegoogelt und sind nun noch unsicherer.
- Die Schlussformel fehlt oder klingt sehr knapp.
- Das Verhalten wird nur neutral oder distanziert beschrieben.
- Sie möchten sich bewerben und vorher Klarheit schaffen.
- Sie möchten einschätzen, ob eine Korrektur sinnvoll sein könnte.
Warum reine Notentabellen oft zu kurz greifen
Im Internet finden sich viele Tabellen mit Zeugnisformulierungen und Noten. Sie können eine erste Orientierung geben, aber sie ersetzen keine Bewertung des gesamten Textes. Ein Satz kann je nach Kontext stärker oder schwächer wirken. Ein sehr kurzes Zeugnis mit einer guten Leistungsformel kann trotzdem wenig überzeugend sein, wenn Aufgaben, Arbeitsweise und Verhalten kaum beschrieben werden.
Umgekehrt kann ein Zeugnis trotz einzelner durchschnittlicher Formulierungen insgesamt solide wirken, wenn die Aufgaben anspruchsvoll beschrieben sind, der Ton wertschätzend bleibt und keine auffälligen Lücken entstehen. Eine gute Bewertung berücksichtigt deshalb nicht nur die klassische Zeugnisnote, sondern auch die Bewerbungswirkung.
Besonders wichtig ist die Frage, ob das Zeugnis zu Ihrer Position passt. Eine Führungskraft, eine Fachperson, eine Pflegekraft, eine Verkäuferin oder eine Bürokraft sollten nicht alle gleich allgemein beschrieben werden. Je konkreter Ihre Rolle war, desto wichtiger ist eine passende, aussagekräftige Bewertung.