Stand: September 2026
«Stets zu unserer vollen Zufriedenheit» – die häufigste Formel und was sie wirklich sagt
Man liest den Satz, freut sich kurz, und stolpert dann über eine Internetliste, die behauptet, das sei nur eine Zwei. Beides stimmt und beides führt in die Irre.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Verstärker vorhanden, Steigerung fehlt – solide Stufe.
- Die häufigste Formel überhaupt, kein Trostpreis.
- Viele Betriebe vergeben die Spitze grundsätzlich nicht.
- Auffällig wird es erst durch das Umfeld, nicht durch die Formel.
- Über Tatsachen lässt sich streiten, über die Stufe kaum.
Warum dieser Satz so oft dasteht
Viele Betriebe haben eine interne Regel, die niemand aufschreibt: Die Spitzenformel wird nur in Ausnahmefällen vergeben. Alle, mit denen man zufrieden war, bekommen diesen Satz. Das ist keine Abwertung, sondern eine Zeugnispraxis, und sie sagt mehr über den Betrieb als über die einzelne Person.
Für Sie folgt daraus ein praktischer Hinweis: Bevor Sie sich über die fehlende Steigerung ärgern, fragen Sie eine Kollegin, was in ihrem Zeugnis steht. Steht dort dasselbe, war es Hauspraxis. Steht dort die Steigerung, lohnt die Frage nach dem Grund. Wie sich die beiden Formeln unterscheiden, behandelt die Spitzenformel.
Auf dieser Seite
Was das Wort «stets» leistet
Es beantwortet eine Frage, die sonst offen bliebe: über welchen Zeitraum die Zufriedenheit galt. Ohne das Wort steht dort eine Aussage über den Gesamteindruck, mit dem Wort eine über jeden einzelnen Tag. Das klingt nach einer Nuance und ist in der Zeugnissprache der Unterschied zwischen zwei Stufen.
Wichtig dabei: «stets» ist nicht das einzige Wort, das diese Aufgabe erfüllt. «Jederzeit», «durchwegs» und «immer» leisten dasselbe und werden gleich gelesen. Wer eines davon in seinem Zeugnis findet, hat den Verstärker – auch wenn das Wort «stets» nirgends vorkommt.
| Wort im Zeugnis | Zählt als Verstärker | Anmerkung |
|---|---|---|
| stets | ja | die Standardvariante |
| jederzeit | ja | gleichwertig, etwas förmlicher |
| durchwegs | ja | gleichwertig, seltener |
| immer | ja | umgangssprachlicher, gleiche Wirkung |
| grundsätzlich | nein | klingt ähnlich, relativiert aber |
| im Wesentlichen | nein | Einschränkung, keine Verstärkung |
| weitgehend | nein | deutliche Einschränkung |
Die unteren drei Zeilen sind die Falle. Wörter wie «grundsätzlich» stehen an derselben Stelle im Satz wie ein Verstärker und bewirken das Gegenteil. Wer schnell liest, sieht ein Wort vor «zu unserer» und hakt die Frage ab. Welche Einschränkungswörter es sonst noch gibt, sammelt «Im Grossen und Ganzen».
Verstärker vorhanden, Bewertung klar positiv, Bezug auf alle Arbeiten statt auf einen Ausschnitt. Ein solider Satz, an dem nichts zu deuteln ist. Er hebt sich nicht ab, aber er zieht auch nichts herunter.
«Grundsätzlich» sitzt an der Stelle des Verstärkers und tut das Gegenteil: Es sagt, dass es im Prinzip stimmte, und damit, dass es Ausnahmen gab. Zusammen mit dem fehlenden «alle» entsteht ein deutlich schwächerer Satz.
Dieselbe Formel, aber mit einer Tatsache dahinter. Die Stellvertretung belegt Verantwortung und hebt den Satz, ohne dass die Bewertung geändert wurde. Genau dieser Weg ist in der Praxis der aussichtsreichste.
Laden Sie Ihr Zeugnis hoch und schreiben Sie dazu, was Sie unsicher macht. Sie bekommen eine Einordnung, ob der übrige Text die Stufe trägt oder ob er sie stillschweigend senkt.
Wann der Satz trotzdem stört
Die Formel selbst ist unauffällig. Auffällig wird sie erst in vier Konstellationen, und in keiner davon liegt es am Satz, sondern an dem, was ihn umgibt.
| Situation | Warum sie auffällt | Was hilft |
|---|---|---|
| Zwischenzeugnis trug die Steigerung | Absenkung ohne erkennbaren Grund | nachfragen, Vergleich beilegen |
| Aufgabenliste ist sehr knapp | Stufe wirkt nicht belegt | Ergänzung der Aufgaben erbitten |
| Verhaltensteil nennt nur eine Gruppe | Bruch zwischen den Trägern | Ergänzung der Gruppen erbitten |
| Schluss ohne Dank und Bedauern | kühler Gesamteindruck | Ergänzung des Schlusses erbitten |
Die erste Zeile ist die einzige, in der es tatsächlich um die Bewertung geht. Wenn Ihr Zwischenzeugnis die Steigerung trug und das Endzeugnis nicht, ist das eine Verschiebung, nach der Sie fragen dürfen – oft steckt kein Urteil dahinter, sondern eine andere schreibende Person. Wozu ein Zwischenzeugnis sonst noch dient, steht auf Zwischenzeugnis verstehen.
Wegen der fehlenden Steigerung ein ganzes Zeugnis für schlecht halten und es deshalb gar nicht erst verwenden. Diese Formel ist in der Sichtung völlig unauffällig – die Lücke im Lebenslauf dagegen nicht.
Zwei Vergleiche helfen beim Einordnen. Nach unten führt die Fassung ohne Verstärker – sie behandelt «Zu unserer vollen Zufriedenheit». Nach oben führt die Frage, welche Gesamtnote aus dem ganzen Text entsteht; das zeigt Zeugnisnote verstehen.
Wo dieser Satz im Zeugnis stehen sollte
Ein Punkt, den kaum jemand prüft: Die Formel gehört an das Ende des Leistungsteils, direkt nach der Beschreibung der Aufgaben und vor dem Verhaltensteil. Steht sie woanders, verändert das ihre Wirkung – auch wenn kein Wort anders lautet.
Zwei Abweichungen kommen regelmässig vor. Bei der ersten steht die Formel schon nach dem ersten Satz, noch bevor überhaupt beschrieben wurde, was jemand gemacht hat. Sie bewertet dann eine Tätigkeit, die der Leser noch nicht kennt, und wirkt vorgeschoben. Bei der zweiten steht sie ganz am Schluss, nach dem Verhaltensteil und kurz vor den Zukunftswünschen – dort liest sie sich wie ein nachgereichter Zusatz.
Wenn Sie eine der beiden Abweichungen finden, ist das kein Grund zur Beunruhigung – wohl aber ein guter Anlass für eine kleine Bitte. Eine Umstellung kostet den Betrieb nichts, weil kein Wort geändert werden muss.
Ein Polybauer EFZ fand die Formel im letzten Absatz seines Zeugnisses, zwischen Austrittsgrund und Zukunftswünschen. Nach der Bitte, sie an das Ende des Tätigkeitsteils zu setzen, kam die neue Fassung in acht Tagen – identischer Wortlaut, andere Stelle, deutlich geschlossenerer Eindruck.
Vorlage oder Entscheidung?
Die Frage lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten, aber gut eingrenzen. Ein Text, der an allen anderen Stellen sorgfältig ist – vollständige Aufgaben, alle Personengruppen, warmer Schluss –, stammt von jemandem, der weiss, was die Wörter bewirken. Dann war auch die Formel eine Entscheidung.
Umgekehrt: Ein Zeugnis, das erkennbar aus Bausteinen zusammengesetzt ist, mit allgemeinen Aufgaben und einem Schluss aus der Vorlage, verrät wenig Absicht. In solchen Fällen lohnt sich das Nachfragen in aller Regel mehr, weil oft schlicht niemand über die Wirkung nachgedacht hat.
Was sich verhandeln lässt
Bevor Sie etwas verlangen, lohnt eine Vorüberlegung: Was genau soll sich ändern, und woran würden Sie merken, dass es geklappt hat? Wer nur ein besseres Gefühl möchte, formuliert unweigerlich vage, und vage Bitten werden vage beantwortet. Wer eine konkrete Ergänzung nennt, bekommt eine konkrete Antwort, im Zweifel auch eine ablehnende, mit der sich weiterarbeiten lässt.
Ganz nüchtern: die Steigerung selten, alles andere häufig. Über die Höhe der Bewertung entscheidet der Betrieb, solange sie nicht offensichtlich unzutreffend ist. Über Tatsachen dagegen – fehlende Aufgaben, fehlende Personengruppen, ein fehlender Dank – lässt sich sachlich reden, weil dabei niemand seine Meinung revidieren muss.
«Ich bitte Sie, die Leistungsbewertung auf ‚vollste Zufriedenheit‘ anzuheben.»
«Ich bitte Sie, im Tätigkeitsbeschrieb die Stellvertretung der Abteilungsleitung ab 2024 zu ergänzen und im Verhaltensteil die Kundschaft aufzunehmen.»
Der zweite Weg hebt das Zeugnis oft spürbarer als die erste Bitte, selbst wenn diese erfüllt würde. Eine Bestnote über einer dünnen Aufgabenliste wirkt schwächer als eine solide Bewertung über einer vollständigen. Wie ein solches Schreiben aufgebaut wird, beschreibt Arbeitszeugnis korrigieren lassen.
Diese Formel – sehr oft. Sie ist so verbreitet, dass sie beim Sichten praktisch nicht registriert wird. Registriert wird, was daneben steht: der Umfang der Aufgaben und die Wärme des Schlusses.
Dieselbe Formel, drei Kolleginnen
Eine Treuhänderin mit eidgenössischem Fachausweis, 38, sechs Jahre in einem Treuhandbetrieb im Kanton Basel-Landschaft, hielt ihre Formel für ein schlechtes Zeichen. Zwei Kolleginnen, die im selben Jahr austraten, hatten wortgleich dieselbe. In diesem Haus war die Steigerung schlicht nicht vorgesehen. Statt über die Formel zu verhandeln, bat sie um die Ergänzung von zwei Mandatsbereichen und der Stellvertretung – beides kam nach zwölf Tagen.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung, kein realer Kundenfall.
Ihr Anspruch
Grundlage ist Art. 330a OR: Sie können ein Zeugnis verlangen, das sich über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie über Leistung und Verhalten ausspricht. Es muss wahr und wohlwollend sein. Ein Anspruch auf eine bestimmte Formulierung folgt daraus nicht – wohl aber darauf, dass die Bewertung der tatsächlichen Leistung entspricht und dass nichts Wesentliches fehlt. Ihre Persönlichkeit schützt Art. 328 OR.
Der Zeugnisanspruch unterliegt der zehnjährigen Frist von Art. 127 OR – so das Bundesgericht in BGer 4A_295/2020. Die fünf Jahre nach Art. 128 Ziff. 3 OR gelten nur für Forderungen auf Lohn. Prüfen Sie ausserdem, ob für Ihren Betrieb ein Gesamtarbeitsvertrag gilt; ein GAV kann eigene Regeln zur Ausstellung enthalten und geht dem gesetzlichen Minimum vor, wenn er günstiger ist.
Legen Sie beide Fassungen nebeneinander und zitieren Sie die abweichende Stelle wörtlich. Fragen Sie nach dem Grund, bevor Sie eine Änderung verlangen – häufig hat schlicht eine andere Person geschrieben. Bleibt es folgenlos, führt der Weg zur Schlichtungsbehörde Ihres Kantons; das Verfahren ist in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten in aller Regel kostenlos.
Formel im Kontext prüfen
Dafür müssen Sie nicht auf eine andere Seite wechseln. Zeugnis hochladen, mehr braucht es nicht. Die Auswertung kommt als PDF und Word-Datei per E-Mail.
Woran sich diese Seite hält
- Rechtsgrundlage
- Der Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis ergibt sich aus Art. 330a OR. Ein Anspruch auf eine bestimmte Formulierung folgt daraus nicht. Dass ein Zeugnis das berufliche Fortkommen fördern soll und darum wohlwollend zu formulieren ist, hält BGE 136 III 510 fest.
- Wahrheit und Wohlwollen
- Ein Zeugnis muss wahr und zugleich wohlwollend sein; verdeckte Abwertungen sind unzulässig. Den Persönlichkeitsschutz regelt Art. 328 OR.
- Woher die Stufen stammen
- Die Zuordnung von Formeln zu Stufen ist eine gewachsene Konvention der Personalpraxis, keine Rechtsregel. Sie wird hier beschrieben, nicht als Gesetzeslage behauptet.
- Frist
- Der Zeugnisanspruch unterliegt der zehnjährigen Frist von Art. 127 OR – so das Bundesgericht in BGer 4A_295/2020. Die fünf Jahre nach Art. 128 Ziff. 3 OR gelten nur für Forderungen auf Lohn. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
- Was hier nicht angeboten wird
- Keine Rechtsberatung, keine Vertretung gegenüber dem Betrieb, keine Durchsetzung einer höheren Bewertung. Für Streitfälle ist die kantonale Schlichtungsbehörde zuständig.
- Für wen diese Seite ist
- Für Angestellte in der Schweiz, in deren Zeugnis genau diese Formel steht, und die wissen wollen, ob das ein gutes oder ein mittelmässiges Zeichen ist.
Häufige Fragen
Ist «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» eine gute Bewertung?
Ja. Der Satz liegt klar im positiven Bereich und ist die mit Abstand häufigste Formel in Schweizer Zeugnissen. Er trägt den Verstärker, was die Durchgängigkeit bestätigt. Was fehlt, ist die Steigerung – und damit der Abstand zur Spitze, nicht die Qualität an sich.
Warum steht bei mir nicht die höchste Formel?
In vielen Betrieben ist diese Formel schlicht die Vorgabe für gute Leistung, und die Steigerung bleibt Ausnahmefällen vorbehalten. Das sagt oft mehr über die Zeugnispraxis des Betriebs als über Sie. Ein Blick auf die Zeugnisse von Kolleginnen desselben Hauses klärt das schnell.
Schadet mir diese Formel bei einer Bewerbung?
In aller Regel nicht. Sie ist der Normalfall und fällt in der Sichtung nicht auf. Kritisch wird es erst, wenn Sie sich auf eine Stelle bewerben, für die ausdrücklich Spitzenleistung verlangt wird, und die übrigen Bewerbungen die Steigerung tragen.
Kann ich die Steigerung nachträglich verlangen?
Verlangen können Sie es, durchsetzen selten. Über die Höhe der Bewertung entscheidet der Betrieb, solange sie nicht offensichtlich falsch ist. Aussichtsreicher ist eine Bitte um Ergänzungen bei den Aufgaben oder im Verhaltensteil – dort geht es um Tatsachen statt um Meinungen.
Woran erkenne ich, ob die Formel bewusst gewählt wurde?
Am übrigen Text. Ein sorgfältig geschriebenes Zeugnis mit vollständiger Aufgabenliste, allen Personengruppen und warmem Schluss stammt von jemandem, der die Wirkung kennt – dann war die Formel eine Entscheidung. Ein aus Vorlagen zusammengesetzter Text spricht eher für Routine.




