Stand: August 2026
Arbeitszeugnis-Note berechnen: In fünf Schritten zur eigenen Einschätzung
Es gibt keine Zahl auf dem Blatt, und trotzdem hat jedes Zeugnis eine Stufe. Man kommt ihr näher, indem man den Text zerlegt statt ihn im Ganzen zu bewerten.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Es gibt keine amtliche Skala – nur eine gewachsene Konvention.
- Vier bewertende Bausteine, nicht einer.
- Der Leistungssatz wiegt am schwersten.
- Abweichungen zwischen Bausteinen sind selbst eine Aussage.
- Anspruch auf ein wahres Zeugnis: Art. 330a OR.
Das folgende Raster ist ein Hilfsmittel zum Selbst-Einordnen, keine amtliche Skala und keine Rechtsregel. Es bildet ab, wie Personalverantwortliche solche Texte erfahrungsgemäss lesen – nicht mehr und nicht weniger.
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Schritt 1: Den Leistungssatz einordnen
Suchen Sie den Satz, in dem das Wort Zufriedenheit vorkommt. Er ist der Anker der ganzen Einschätzung. Zwei Bauteile bestimmen seine Stufe: der Verstärker am Anfang und die Steigerung in der Mitte. Beide zusammen ergeben die Spitze, keiner von beiden das untere Ende.
| Wortlaut | Stufe | Merkmal |
|---|---|---|
| stets zu unserer vollsten Zufriedenheit | 1 | Verstärker + Steigerung |
| stets zu unserer vollen Zufriedenheit | 2 | Verstärker, keine Steigerung |
| zu unserer vollen Zufriedenheit | 3 | weder noch, aber «voll» |
| zu unserer Zufriedenheit | 4 | kein Zusatz |
| war bemüht, den Anforderungen zu genügen | 5 | Absicht statt Ergebnis |
Notieren Sie die Stufe. Falls Ihr Zeugnis eine Variante enthält, die hier nicht steht – etwa «jederzeit» statt «stets» oder «ausserordentlich» statt «vollst» –, ordnen Sie sie nach demselben Muster ein: Verstärker vorhanden ja oder nein, Steigerung vorhanden ja oder nein. Die Feinheiten der Spitzenformel behandelt «Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit».
Den Leistungssatz mit einem Lobsatz verwechseln. «Wir schätzten seine hervorragende Arbeit sehr» klingt stärker, trägt aber keine Stufe. Gesucht ist der Satz mit dem Wort Zufriedenheit – fehlt er ganz, notieren Sie das als eigene Beobachtung.
Schritt 2: Die Aufgabenliste prüfen
Zählen Sie im Kopf Ihre Kernaufgaben auf und suchen Sie jede im Zeugnis. Der zweite Baustein wird nicht nach Wortwahl bewertet, sondern nach Vollständigkeit und Konkretheit. Eine Liste, die alle wesentlichen Bereiche nennt und mit Zahlen oder Systemen arbeitet, stützt eine hohe Stufe. Eine Liste, die eine prägende Aufgabe auslässt, zieht sie herunter.
| Befund | Wirkung auf die Stufe |
|---|---|
| Alle Kernaufgaben, mit Grössenordnung | stützt die Stufe des Leistungssatzes |
| Alle Kernaufgaben, allgemein umschrieben | neutral |
| Eine Nebenaufgabe fehlt | neutral |
| Eine prägende Kernaufgabe fehlt | eine halbe bis ganze Stufe tiefer |
| Nur ein Satz zur ganzen Tätigkeit | eine Stufe tiefer |
| Verantwortung genannt, die Sie hatten | stützt deutlich |
«Sie war im Bereich Finanzen tätig und unterstützte das Team bei diversen Aufgaben.»
«Sie führte die Debitoren- und Kreditorenbuchhaltung für rund 180 Konten, erstellte die Mehrwertsteuerabrechnungen und bereitete den Jahresabschluss vor.»
Beide Sätze beschreiben dieselbe Person im selben Jahr. Der erste lässt offen, was sie konnte; der zweite macht es überprüfbar. Für die Stufe ist das entscheidend: Eine hohe Bewertung über einer vagen Aufgabenliste wirkt behauptet, dieselbe Bewertung über einer konkreten wirkt belegt.
Die vierte Zeile ist die wichtigste. Wenn Sie zwei Jahre lang die Debitorenbuchhaltung geführt haben und das Wort kommt im Zeugnis nicht vor, ist das keine Nachlässigkeit, sondern eine Aussage – und sie wird auch so gelesen. Warum das so ist, erklärt das Vollständigkeitsprinzip.
Schritt 3: Verhaltensteil und Schluss
Der dritte Baustein hat eine eigene Logik: Er wird nicht nach Steigerung gelesen, sondern nach Vollständigkeit der Aufzählung. Üblich sind Vorgesetzte, Mitarbeitende und Kundschaft. Wer alle drei nennt und mit «stets einwandfrei» oder «jederzeit vorbildlich» abschliesst, liegt oben. Fehlt eine Gruppe, mit der Sie tatsächlich zu tun hatten, liegt die Stufe darunter.
Die Schlussformel besteht aus drei Teilen: Dank, Bedauern, Zukunftswünsche. Alle drei vorhanden heisst oben, zwei heisst Mitte, einer oder keiner heisst unten. Was das im Einzelnen bedeutet, ist auf Schlussformel verstehen beschrieben.
Alle drei Gruppen, Standardformel mit Verstärker, dazu eine vollständige Schlussformel. Beide Bausteine stützen eine hohe Gesamtstufe, ohne sie allein zu tragen.
Zwei Gruppen fehlen, «gut» ist schwächer als «einwandfrei», und der Schluss enthält weder Dank noch Bedauern. Beide Bausteine ziehen die Gesamtstufe herunter, auch wenn der Leistungssatz höher liegt.
Verhaltensteil oben, Schluss unten. Genau solche Brüche sind es, die beim Lesen hängen bleiben. Sie sind kein Grund zur Panik, aber ein guter Anlass, um eine Ergänzung des Schlusses zu bitten.
Laden Sie das Zeugnis hoch und schreiben Sie Ihre eigene Einschätzung dazu. Sie bekommen eine Einordnung Ihres konkreten Textes, samt Begründung, woran die Stufe festgemacht ist.
Schritt 4: Abweichungen deuten
Jetzt haben Sie vier Stufen vor sich, und sie stimmen fast nie überein. Das ist normal und selbst schon Information. Die Frage ist nicht, wie man daraus einen Durchschnitt bildet, sondern wo die Abweichung liegt und was sie bedeutet.
Zwei Muster tauchen besonders häufig auf. Beim ersten liegt der Leistungssatz oben und der Verhaltensteil unten – fachlich stark, im Umgang schwieriger. Beim zweiten ist es umgekehrt: freundlich beschrieben, fachlich blass. Beide Muster werden von Personalverantwortlichen erkannt und unterschiedlich bewertet, je nachdem, welche Stelle besetzt werden soll.
Als Faustregel gilt: Weichen zwei Bausteine um mehr als eine Stufe voneinander ab, nehmen Sie die tiefere als Ausgangspunkt und prüfen Sie, woran die Abweichung liegt. Oft steckt kein Urteil dahinter, sondern eine Vorlage, in der ein Baustein schwächer formuliert war als der andere.
Schritt 5: Glaubwürdigkeit prüfen
Vier Stufen, eine Deutung – und trotzdem fehlt noch etwas. Eine Einschätzung, die nur aus dem Text kommt, übersieht die Frage, ob der Text zu Ihrer tatsächlichen Anstellung passt. Ein Zeugnis über sieben Jahre Verantwortung, das auf einer halben Seite Platz findet, sagt schon durch seinen Umfang etwas – unabhängig davon, wie freundlich die einzelnen Sätze klingen.
Zum Schluss ein Blick auf das Ganze. Eine hohe Stufe wirkt nur, wenn der Text sie trägt. Vier Zeilen Tätigkeitsbeschrieb und eine Spitzenbewertung passen nicht zusammen, und dieser Bruch fällt auf. Umgekehrt kann eine mittlere Stufe in einem sorgfältigen, vollständigen Zeugnis überzeugender wirken als eine hohe in einem lieblosen.
Prüfen Sie deshalb drei Dinge: Ist der Text der Anstellungsdauer angemessen lang? Steht das Ausstellungsdatum nahe am letzten Arbeitstag? Hat die richtige Person unterschrieben? Formale Mängel senken die Stufe nicht, aber sie schwächen den Eindruck – und der entscheidet in den ersten Sekunden mit. Was Personalverantwortliche dabei tatsächlich tun, beschreibt Wirkung auf Arbeitgeber.
Drei durchgerechnete Beispiele
Drei anonymisierte Fälle, jeweils mit den vier Bausteinen und dem Ergebnis. Die Zeugnisse sind sinngemäss wiedergegeben, die Personen erfunden.
| Baustein | Fall A | Fall B | Fall C |
|---|---|---|---|
| Leistungssatz | Stufe 2 | Stufe 1 | Stufe 3 |
| Aufgabenliste | vollständig, konkret | nur zwei Sätze | vollständig |
| Verhaltensteil | alle drei Gruppen | alle drei Gruppen | Kundschaft fehlt |
| Schlussformel | vollständig | nur Wünsche | vollständig |
| Ergebnis | Stufe 2, getragen | Stufe 2, nicht getragen | Stufe 3 bis 4 |
Fall B ist der lehrreichste. Der Leistungssatz steht auf der Spitze, und trotzdem landet das Zeugnis nicht dort. Zwei Sätze Tätigkeitsbeschrieb und ein Schluss ohne Dank ziehen die Bestnote so weit herunter, dass sie nicht mehr glaubwürdig wirkt. Wer nur den Leistungssatz gelesen hätte, käme zu einem Ergebnis, das eine Personalabteilung nicht teilt.
Selbst gerechnet: Stufe 4, tatsächlich Stufe 2
Ein Logistiker, 34, vier Jahre in einem Betrieb im Kanton Bern, schätzte sein Zeugnis auf Stufe 4 – weil ihn ein Satz im Verhaltensteil störte. Die Einordnung nach Bausteinen ergab: Leistungssatz Stufe 2, Aufgabenliste vollständig mit Zahlen, Verhaltensteil vollständig, Schluss mit Dank und Bedauern. Der störende Satz war eine Stilfrage, keine Abwertung. Er verwendete das Zeugnis unverändert.
Bewerbende, die ihr eigenes Zeugnis zu streng lesen. Wer beim Austritt enttäuscht war, findet im Text Bestätigung dafür – auch dort, wo keine steht. Das Raster ist das einfachste Gegenmittel, weil es Baustein für Baustein fragt statt nach dem Gefühl.
Rechtslage und Grenzen
Ihr Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis steht in Art. 330a OR. Ein Anspruch auf eine bestimmte Stufe folgt daraus nicht – wohl aber darauf, dass die Bewertung wahr und wohlwollend ist und nicht verdeckt abwertet. Den Schutz Ihrer Persönlichkeit regelt Art. 328 OR.
Wichtig ist die Grenze dieses Rasters: Die Zuordnung von Formeln zu Stufen ist keine Gesetzesregel, sondern eine über Jahrzehnte gewachsene Konvention der Personalpraxis. Sie wird hier beschrieben, nicht behauptet. Für die Frist gilt Art. 128 Ziff. 3 OR mit fünf Jahren; ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
Dann lohnt der Blick auf Belege: Zielvereinbarungen, Beurteilungsgespräche, übernommene Zusatzaufgaben. Mit ihnen lässt sich eine sachliche Bitte um Anpassung begründen. Bleibt sie folgenlos, führt der Weg zur Schlichtungsbehörde Ihres Kantons; das Verfahren in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten ist in aller Regel kostenlos. Massgebend bleibt Ihr konkreter Vertrag samt allfälligem GAV.
Zeugnisstufe jetzt bestimmen lassen
Dafür müssen Sie nicht auf eine andere Seite wechseln. Zeugnis hochladen, mehr braucht es nicht. Die Auswertung kommt als PDF und Word-Datei per E-Mail.
Woran sich diese Seite hält
- Rechtsgrundlage
- Der Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis ergibt sich aus Art. 330a OR. Ein Anspruch auf eine bestimmte Stufe folgt daraus nicht.
- Wahrheit und Wohlwollen
- Ein Zeugnis muss wahr und zugleich wohlwollend sein; verdeckte Abwertungen sind unzulässig. Den Persönlichkeitsschutz regelt Art. 328 OR.
- Woher das Raster stammt
- Die Zuordnung von Formeln zu Stufen ist keine Gesetzesregel, sondern eine gewachsene Konvention der Personalpraxis. Sie wird hier beschrieben, nicht als Rechtslage behauptet.
- Frist
- Forderungen aus dem Arbeitsverhältnis verjähren nach fünf Jahren gemäss Art. 128 Ziff. 3 OR. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
- Was hier nicht angeboten wird
- Keine Rechtsberatung, keine Vertretung gegenüber dem Betrieb, keine Durchsetzung einer bestimmten Bewertung. Für Streitfälle ist die kantonale Schlichtungsbehörde zuständig.
- Für wen diese Seite ist
- Für Angestellte in der Schweiz, die ihr Zeugnis selbst einordnen wollen, bevor sie es verwenden oder eine Anpassung erbitten.
Häufige Fragen
Kann man eine Arbeitszeugnis-Note wirklich berechnen?
Nicht im Sinne einer amtlichen Zahl. Ein Schweizer Arbeitszeugnis enthält keine Note. Was sich machen lässt, ist eine systematische Einschätzung: Man liest die vier bewertenden Bausteine einzeln, ordnet jeden einer Stufe zu und gewichtet sie. Das Ergebnis ist eine Näherung, kein Zeugnisdurchschnitt.
Welcher Baustein wiegt am schwersten?
Der Leistungssatz. Er trägt die eigentliche Bewertung, alle anderen Bausteine stützen oder relativieren sie. Danach folgen die Vollständigkeit der Aufgabenliste und der Verhaltensteil, zuletzt die Schlussformel. Fehlt der Leistungssatz ganz, lässt sich keine Stufe bestimmen.
Was mache ich, wenn die Bausteine unterschiedliche Stufen ergeben?
Das ist der Normalfall und selbst schon eine Information. Weichen Leistungssatz und Verhaltensteil um mehr als eine Stufe voneinander ab, liegt der Schwerpunkt der Aussage genau dort. Nehmen Sie in diesem Fall die tiefere Stufe als Ausgangspunkt und prüfen Sie, woran die Abweichung liegt.
Zählt die Länge des Zeugnisses für die Note?
Nicht direkt, aber sie beeinflusst die Glaubwürdigkeit. Eine hohe Stufe in einem sehr kurzen Zeugnis wirkt weniger überzeugend als dieselbe Stufe in einem vollständigen Text. Umgekehrt kann ein kurzes Zeugnis nach wenigen Wochen völlig in Ordnung sein.
Ist meine Einschätzung dieselbe wie die einer Personalabteilung?
Meist ähnlich, aber nicht identisch. Personalverantwortliche lesen schneller, achten stärker auf Auslassungen und vergleichen mit anderen Zeugnissen derselben Branche. Ihre eigene Einschätzung ist trotzdem nützlich: Sie zeigt, ob Ihr Zeugnis grob dort liegt, wo Sie es erwarten.



