Stand: September 2026
Sozialverhalten im Arbeitszeugnis – Gruppen, Reihenfolge und Wortwahl
Zwei Zeilen, in denen mehr steckt als im ganzen Leistungsteil davor. Nicht wegen der Wörter, sondern wegen der Namen, die darin vorkommen, oder eben nicht.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Drei Fragen: welche Gruppen, welche Reihenfolge, welches Wort.
- Eine fehlende Gruppe wiegt am schwersten.
- Erwartet wird nur, was zur Funktion passt.
- Einschränkungen wirken hier stärker als beim Leistungsteil.
- Nachtragen ist die leichteste Bitte.
| Funktion | Erwartete Gruppen | Wenn eine fehlt |
|---|---|---|
| Verkauf, Gastronomie, Empfang | Vorgesetzte, Mitarbeitende, Kundschaft | fehlende Kundschaft fällt deutlich auf |
| Pflege und Betreuung | Vorgesetzte, Mitarbeitende, Betreute und Angehörige | fehlende Betreute fallen deutlich auf |
| Teamleitung, Abteilungsleitung | Vorgesetzte, unterstellte Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen | fehlende Unterstellte fallen deutlich auf |
| Aussendienst, Beratung | Vorgesetzte, Mitarbeitende, Kundschaft, Partnerfirmen | fehlende Kundschaft fällt deutlich auf |
| Buchhaltung ohne Aussenkontakt | Vorgesetzte, Mitarbeitende | keine weitere Gruppe erwartet |
| Produktion, Logistik | Vorgesetzte, Mitarbeitende | keine weitere Gruppe erwartet |
Auf dieser Seite
Die Reihenfolge der Gruppen
Die übliche Reihenfolge lautet: Vorgesetzte, Mitarbeitende, Kundschaft. Sie folgt keiner Regel, sondern der Gewohnheit, und weil sie so verbreitet ist, fällt jede Abweichung auf. Das heisst allerdings nicht, dass jede Abweichung etwas bedeutet. Viele Betriebe nennen die eigene Kundschaft zuerst, weil sie in ihrer Selbstbeschreibung an erster Stelle steht.
Übertreiben Sie die Deutung der Reihenfolge deshalb nicht. Sie ist der schwächste der drei Befunde. Erst wenn eine Gruppe ans Ende rutscht und zugleich anders bewertet wird als die übrigen, entsteht eine Aussage, und die steht dann meist ohnehin deutlich genug im Text.
Wenn eine Gruppe fehlt
Hier liegt der Befund, der sich am zuverlässigsten prüfen lässt. Nehmen Sie Ihre Stelle und zählen Sie auf, mit wem Sie täglich zu tun hatten. Vergleichen Sie diese Aufzählung mit dem Verhaltenssatz. Fehlt eine Gruppe, die zu Ihrem Alltag gehörte, ist das eine Lücke – unabhängig davon, ob sie beabsichtigt war.
Zwei Gruppen genannt, die dritte fehlt, und zwar genau die, mit der eine Verkäuferin den grössten Teil des Tages verbringt. Das ist die klassische Auslassung. Sie kann aus einer Vorlage stammen, die für die Verwaltung geschrieben wurde; sie fällt trotzdem auf.
Ein einziges zusätzliches Satzglied, und die Lücke ist geschlossen. Genau deshalb ist die Bitte um eine Ergänzung an dieser Stelle so aussichtsreich: Sie verlangen keine andere Bewertung, sondern eine vollständige Aufzählung.
Aus einer fehlenden Gruppe sofort auf einen Konflikt schliessen. Der weitaus häufigste Grund ist eine Vorlage aus einer anderen Abteilung. Fragen Sie nach, bevor Sie deuten, und formulieren Sie die Frage als Bitte um Ergänzung, nicht als Frage nach dem Grund.
Laden Sie Ihr Zeugnis hoch und nennen Sie Ihre Funktion in einem Satz. Sie bekommen eine Einordnung, welche Gruppe fehlt, wie das Bewertungswort einzuordnen ist und was sich nachtragen lässt.
Hier wird nicht ausgelassen, sondern unterschieden, und das ist die deutlichste Variante überhaupt. Wer zwei Personengruppen verschieden bewertet, tut das absichtlich; ein Vorlagenfehler sieht anders aus. Welche Wörter dabei welche Stufe markieren, zeigt die Skala weiter unten. Wie eine Notenstufe daraus entsteht, erklärt Zeugnisnote verstehen.
Den Verhaltensteil isoliert bewerten. Er ist zwei Zeilen lang und steht am Ende eines Dokuments, das vor allem wegen der Aufgabenbeschreibung gelesen wird. Welche Formulierungen dort als Warnzeichen gelten, sammelt die Liste der Warnzeichen; wie Sympathie und Kompetenz auseinanderfallen, behandelt «War beliebt».
Die Wortwahl-Skala
Bevor es um einzelne Wörter geht, eine Einordnung, die dem Abschnitt seine Schärfe nimmt: Die grosse Mehrheit der Schweizer Zeugnisse verwendet eine der beiden oberen Varianten, und zwar aus Gewohnheit. Ein Zeugnis mit «stets einwandfrei» ist deshalb kein Lob, das jemand eigens vergeben hätte – es ist der Normalfall. Aussagekräftig ist die Skala vor allem nach unten: Wer eine der hinteren Varianten findet, hat einen Text vor sich, in dem jemand von der Gewohnheit abgewichen ist. Und Abweichungen von der Gewohnheit sind in der Zeugnissprache immer die interessanteren Stellen.
Für die Bewertung des Umgangs hat sich eine kleine Zahl von Wörtern eingebürgert, und sie liegen nicht gleichauf. Der Unterschied zwischen «einwandfrei» und «korrekt» ist grösser, als er klingt: Das eine bewertet die Haltung, das andere nur die Einhaltung der Form.
| Wort | Gelesen als | Einordnung |
|---|---|---|
| vorbildlich | über dem Üblichen, Vorbildfunktion | oberste Stufe |
| stets einwandfrei | durchgehend ohne Beanstandung | gut und üblich |
| einwandfrei | ohne Beanstandung, ohne Aussage zur Dauer | eine Stufe tiefer |
| gut | positiv, aber ohne besondere Betonung | Mittelfeld |
| korrekt | formal richtig, ohne Wärme | zurückhaltend |
| höflich und zurückhaltend | freundlich, aber distanziert | zurückhaltend |
| ohne Beanstandungen | es lag nichts vor – mehr nicht | deutlich zurückhaltend |
Die untersten beiden Zeilen sind die eigentlichen Signale. Sie beschreiben Abwesenheit von Problemen statt Anwesenheit von gutem Umgang, und das ist im Zeugnis ein Unterschied. Wie diese Art von Formulierung insgesamt funktioniert, ist auf Geheimsprache im Arbeitszeugnis beschrieben.
Warum hier strenger gelesen wird
Leistung darf schwanken. Eine schwierige Einarbeitung, eine Umstellung, eine Phase mit zu viel Arbeit – all das erklärt eine zurückhaltende Leistungsbewertung, ohne dass jemand daraus ein Urteil über die Person ableitet. Beim Verhalten funktioniert das nicht. Es wird als Grundhaltung gelesen, und Grundhaltungen gelten als stabil.
Daraus folgt die praktische Konsequenz: Eine Einschränkung im Verhaltenssatz wiegt schwerer als dieselbe Einschränkung im Leistungssatz. Wenn Sie also nur eine einzige Stelle in Ihrem Zeugnis ansprechen können, und die Wahl zwischen beiden haben, nehmen Sie den Verhaltensteil. Welche Wirkung Einschränkungswörter allgemein haben, behandelt «Im Grossen und Ganzen».
Besonderheit bei Führungsfunktionen
Wer Mitarbeitende geführt hat, hat im Verhaltensteil eine zusätzliche Gruppe: die unterstellten Personen. Sie ist die aussagekräftigste von allen, weil sie etwas beschreibt, das sich sonst nirgends im Zeugnis findet – wie jemand mit Verantwortung über andere umgegangen ist. Genau deshalb fällt ihr Fehlen bei einer Führungsfunktion sofort auf.
Es gibt dabei eine Formulierungsfalle, die häufig vorkommt und die niemand beabsichtigt: Der Satz nennt zwar «Mitarbeitende», meint damit aber Kolleginnen und Kollegen auf gleicher Stufe. Die geführten Personen bleiben unerwähnt, obwohl der Text sie zu enthalten scheint. Prüfen Sie deshalb, ob im Zeugnis irgendwo steht, wie viele Personen Sie geführt haben. Steht diese Zahl nirgends, ist die Führungsverantwortung im ganzen Dokument unsichtbar, und das wiegt schwerer als jede Wortwahl.
Was bei Führungszeugnissen sonst noch dazugehört – Budget, Bereich, Kennzahlen, Übergabe – behandelt Zeugnis für Führungskräfte. Für den Verhaltensteil gilt aber schon hier: Wenn Sie geführt haben und das im Text nicht vorkommt, ist das die erste Ergänzung, um die Sie bitten sollten – noch vor jedem Bewertungswort.
Sachlich nachtragen lassen
Die Bitte um eine fehlende Gruppe ist die kleinste und aussichtsreichste Korrektur im ganzen Zeugnis. Sie greift die Bewertung nicht an, sondern ergänzt eine Aufzählung. Formulieren Sie sie deshalb ausdrücklich als Vervollständigung und nicht als Beanstandung.
«Im Verhaltenssatz fehlt die Kundschaft. Bedeutet das, dass Sie mit meinem Umgang mit Kunden nicht zufrieden waren?»
«Da ich täglich im Kundenkontakt war, bitte ich Sie um folgende Fassung: ‚Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Mitarbeitenden und unserer Kundschaft war stets einwandfrei.‘»
Setzen Sie eine Frist von zwei bis drei Wochen und richten Sie die Bitte an die Person, die unterschrieben hat. Wenn Sie zusätzlich eine Änderung im Bewertungswort erbitten möchten, tun Sie das in einer zweiten Runde – zwei Anliegen in einer E-Mail schwächen das leichter erfüllbare.
Eine Gruppe, elf Tage
Eine Fachfrau Hauswirtschaft EFZ, 44, fünf Jahre in einem Alters- und Pflegeheim im Kanton Schwyz. Ihr Verhaltenssatz nannte Vorgesetzte und Mitarbeitende, nicht aber die Bewohnerinnen und Bewohner, mit denen sie täglich zu tun hatte. Sie bat um Ergänzung mit einem fertigen Satz. Die Heimleitung antwortete, die Vorlage stamme aus der Verwaltung; das korrigierte Zeugnis lag nach elf Tagen vor. Am Bewertungswort änderte sich nichts – es war auch vorher gut.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung, kein realer Kundenfall.
Ein Hinweis zum Zeitpunkt: Diese Bitte lässt sich auch Jahre später noch stellen. Ein Zeugnis ist kein Dokument mit Verfallsdatum, und Betriebe korrigieren Aufzählungen auch dann, wenn die Anstellung lange zurückliegt – vorausgesetzt, es gibt noch jemanden, der unterschreiben kann. Existiert der Betrieb nicht mehr, bleibt die Fassung, wie sie ist; in diesem Fall lohnt es sich, die fehlende Gruppe im Bewerbungsschreiben selbst zu benennen.
Eine fehlende Personengruppe fällt in der zweiten Leserunde fast immer auf, weil sie sich direkt mit der Funktionsbezeichnung vergleichen lässt. Sie ist damit einer der wenigen Befunde, die auch ohne Kenntnis der Zeugnissprache sichtbar werden.
Ihr Anspruch und seine Grenze
Grundlage ist Art. 330a OR: Das Zeugnis spricht sich über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie über Leistung und Verhalten aus. Der Verhaltensteil ist damit gesetzlich vorgesehener Inhalt und nicht eine Höflichkeit. Ein Zeugnis, das dazu nichts sagt, ist unvollständig – das ist ein sachliches Argument.
Auf ein bestimmtes Wort haben Sie keinen Anspruch. Verdeckte Abwertungen sind unzulässig, weil Art. 328 OR Ihre Persönlichkeit schützt; das gilt gerade für den Verhaltensteil, weil er die Person betrifft. Einzelne Vorkommnisse ohne Bedeutung für das Gesamtbild gehören nicht ins Zeugnis. Der Zeugnisanspruch unterliegt der zehnjährigen Frist von Art. 127 OR – so das Bundesgericht in BGer 4A_295/2020. Die fünf Jahre nach Art. 128 Ziff. 3 OR gelten nur für Forderungen auf Lohn. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
Fragen Sie einmal nach dem Grund und akzeptieren Sie eine sachliche Antwort. Wird eine Gruppe bewusst weggelassen, weil es dort Konflikte gab, ist das eine unangenehme Auskunft, und trotzdem besser, als sie im Bewerbungsgespräch zum ersten Mal zu hören. Bleibt jede Reaktion aus, führt der Weg zur Schlichtungsbehörde Ihres Kantons; das Verfahren in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten ist in aller Regel kostenlos.
Verhaltensteil prüfen lassen
Dafür müssen Sie nicht auf eine andere Seite wechseln. Zeugnis hochladen, mehr braucht es nicht. Die Auswertung kommt als PDF und Word-Datei per E-Mail.
Woran sich diese Seite hält
- Rechtsgrundlage
- Der Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis ergibt sich aus Art. 330a OR; es spricht sich ausdrücklich auch über das Verhalten aus.
- Persönlichkeitsschutz
- Verdeckte Abwertungen sind unzulässig; Art. 328 OR schützt Ihre Persönlichkeit. Im Verhaltensteil wiegt das besonders, weil er die Person betrifft.
- Woher die Skala stammt
- Die Abstufung der Bewertungswörter ist eine Konvention der Personalpraxis und keine amtliche Skala. Sie wird hier beschrieben, weil sie die Lesewirkung erklärt.
- Einzelne Vorkommnisse
- Einmalige Vorfälle ohne Bedeutung für das Gesamtbild gehören nicht ins Zeugnis. Wiederholte und arbeitsrechtlich behandelte Vorfälle können sachlich erwähnt werden.
- Frist
- Der Zeugnisanspruch unterliegt der zehnjährigen Frist von Art. 127 OR – so das Bundesgericht in BGer 4A_295/2020. Die fünf Jahre nach Art. 128 Ziff. 3 OR gelten nur für Forderungen auf Lohn. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
- Für wen diese Seite ist
- Für Angestellte in der Schweiz, die wissen möchten, ob ihr Verhaltenssatz vollständig ist, und was das gewählte Bewertungswort bedeutet.
Häufige Fragen
Welche Personengruppen sollten im Verhaltenssatz genannt werden?
Üblich sind drei: Vorgesetzte, Mitarbeitende und – sofern die Stelle Kundenkontakt hatte – Kundinnen und Kunden. Bei Führungsfunktionen kommen die unterstellten Mitarbeitenden dazu. Welche Gruppen genannt werden, richtet sich nach der Funktion und nicht nach einer festen Vorlage.
Ist die Reihenfolge der Gruppen wichtig?
Sie wird gelesen, aber nicht überbewertet. Die übliche Reihenfolge nennt zuerst die Vorgesetzten. Steht eine Gruppe auffällig an letzter Stelle oder fehlt sie ganz, obwohl die Stelle täglichen Kontakt mit ihr hatte, ist das der aussagekräftigere Befund.
Was bedeutet es, wenn eine Gruppe fehlt?
Es kann eine Vorlage sein oder eine bewusste Auslassung. Entscheidend ist, ob die Gruppe zur Funktion gehört: Fehlen die Kundinnen und Kunden bei einer Verkaufsstelle, fällt das auf. Fehlen sie in der Buchhaltung ohne Aussenkontakt, bedeutet es nichts.
Wie stark wiegt der Verhaltensteil im Vergleich zum Rest?
Er ist kurz und wird trotzdem genau gelesen, weil er als Aussage über die Grundhaltung gilt. Anders als bei der Leistung wird hier weniger Schwankung zugestanden – eine Einschränkung wirkt an dieser Stelle deshalb stärker als im Leistungsteil.
Kann ich eine fehlende Gruppe nachtragen lassen?
Sie können um Ergänzung bitten, wenn eine für Ihre Funktion wesentliche Gruppe fehlt und das Verhalten dadurch unvollständig dargestellt wird. Einen Anspruch auf eine bestimmte Reihenfolge oder eine starre Aufzählung aller Gruppen gibt es nicht. Sie verlangen damit keine bessere Bewertung, sondern eine vollständige Darstellung. Nennen Sie die Gruppe, mit der Sie täglich zu tun hatten, und liefern Sie den gewünschten Wortlaut mit.




