Zeugniscode erkennen:Nicht nur einzelne Wörter bewerten
Der Zeugniscode versteckt die Bewertung nicht in geheimen Zeichen, sondern in einer festen Tonlage – wer nur einzelne Wörter googelt, liest oft das Gegenteil dessen heraus, was gemeint ist.
«Stets bemüht» klingt freundlich und meint eine schwache Leistung. «Zu unserer Zufriedenheit» klingt nach Lob und ist doch nur eine Vier. Der Code steckt im System hinter den Worten – in einer Skala, in Auslassungen und in der Reihenfolge. Genau das lässt sich lernen. Und es lohnt sich: Wer sein Zeugnis richtig liest, weiss, ob er zufrieden sein darf oder sachlich nachfragen sollte – statt sich über einen Satz zu ärgern, der gar nichts bedeutet, oder eine echte Abwertung zu überlesen.
- Der Zeugniscode ist eine feste Tonleiter, keine geheime Geheimschrift.
- Kern ist die Zufriedenheitsskala – sie entspricht Schulnoten.
- Was fehlt, ist oft aussagekräftiger als das Geschriebene.
- Einzelne Wörter täuschen – erst das Gesamtbild ergibt die Note.
- Geheime, abwertende Zeichen sind unzulässig (Klarheitsgrundsatz, Art. 330a OR).
Der Zeugniscode ist keine Geheimschrift, sondern eine eingespielte Bewertungssprache. Weil ein Zeugnis wohlwollend klingen muss, wird Kritik in freundliche Formulierungen verpackt. Die Bewertung ergibt sich aus einer festen Zufriedenheitsskala, aus dem, was weggelassen wird, und aus der Reihenfolge der Aussagen. Einzelne Wörter lassen sich deshalb nicht isoliert deuten – erst das Zusammenspiel ergibt die tatsächliche Note.
Was ist der Zeugniscode – und was nicht?
Der Zeugniscode ist eine über Jahrzehnte eingespielte Konvention. Weil ein Zeugnis nach Art. 330a OR wohlwollend formuliert sein muss, darf kaum jemand offen «schlecht» schreiben. Also entstand eine Sprache, in der der Ton die Note trägt: Dieselbe Tätigkeit klingt je nach Wortwahl nach «sehr gut» oder nach «knapp genügend». Das ist kein Zufall und keine böse Absicht einzelner Betriebe, sondern eine gewachsene Konvention: Personalverantwortliche schreiben und lesen Zeugnisse seit Jahrzehnten in derselben Tonlage, und wer neu ins Berufsleben kommt, kennt diese Sprache oft schlicht nicht. Genau diese Wissenslücke sorgt für die meisten Fehleinschätzungen – in beide Richtungen, also sowohl zu optimistisch als auch zu pessimistisch gelesen.
Wichtig ist die Abgrenzung: Ein bewusst geheimes Zeichen, das nur Eingeweihte verstehen und den Arbeitnehmer heimlich abwerten soll, ist unzulässig. Der Klarheitsgrundsatz verlangt ein verständliches Zeugnis. Der «Code» im hier gemeinten Sinn ist etwas anderes: eine allgemein bekannte Tonlage, die man lesen lernen kann – und muss, um sein Zeugnis richtig einzuschätzen. Der Unterschied ist wichtig: Über die bekannte Tonlage darf ein Betrieb bewerten, ein heimliches Sonderzeichen darf er nicht setzen. Das Erste ist Sprache, das Zweite ein Rechtsverstoss.
Der Code ist keine Verschwörung, sondern Handwerk. Wer die Regeln kennt, liest ein Zeugnis so, wie es ein erfahrener Personaler liest.
Das Herzstück: die Zufriedenheitsskala
Die meisten Leistungsbewertungen laufen über eine einzige, feste Formel: «zu unserer Zufriedenheit». Wie stark die Wörter davor sind – «stets», «vollsten», «vollen» –, entscheidet über die Note. Das ist der am häufigsten verwendete Baustein des Codes und der wichtigste, den Sie kennen sollten. Die Skala funktioniert wie eine Tonleiter: Zwei Stellschrauben – das «stets» am Anfang und die Steigerung «vollen» oder «vollsten» – bestimmen gemeinsam die Note. «Stets» hebt um eine Stufe, «vollsten» um eine weitere. Fehlt beides, bleibt nur die nackte «Zufriedenheit» übrig, und die ist die schwächste Stufe. Die gute Nachricht: Es ist nur eine einzige Formel mit wenigen Abstufungen. Haben Sie diese fünf Zeilen einmal verstanden, entschlüsseln Sie den Leistungskern fast jedes Schweizer Zeugnisses in Sekunden.
| Formulierung | Note | Bedeutung |
|---|---|---|
| stets zu unserer vollsten Zufriedenheit | 1 – sehr gut | «stets» + «vollsten» = Höchstwertung |
| zu unserer vollsten Zufriedenheit | 2 – gut | ohne «stets» eine Stufe tiefer |
| stets zu unserer vollen Zufriedenheit | 3 – befriedigend | «vollen» statt «vollsten» |
| zu unserer vollen Zufriedenheit | 4 – genügend | weder «stets» noch «vollsten» |
| zu unserer Zufriedenheit | 5 – mangelhaft | ohne «vollen» = klare Kritik |
Zwei Zeugnisse, ein Wort Unterschied: «stets zu unserer vollsten» (Note 1) gegen «stets zu unserer vollen» (Note 3). Ein einziges «-sten» trennt sehr gut von befriedigend – deshalb lohnt der genaue Blick auf jede Silbe dieser Formel.
Viele lesen «zu unserer Zufriedenheit» als Lob, weil das Wort «Zufriedenheit» positiv klingt. Ohne «vollen» oder «vollsten» ist es aber die schwächste Stufe der Skala.
Vier Techniken, mit denen codiert wird
Neben der Skala arbeiten Zeugnisse mit wiederkehrenden Kniffen. Wer sie kennt, erkennt die Botschaft, auch wenn kein einziges negatives Wort auftaucht. Genau das macht den Code so tückisch: Er funktioniert komplett ohne offene Kritik, allein über Betonung, Weglassen und Anordnung. Ein Zeugnis kann durchweg freundlich klingen und trotzdem eine klare Vier oder Fünf transportieren. Genau deshalb hilft es wenig, ein Zeugnis nach «schlechten Wörtern» abzusuchen – die gibt es meist gar nicht. Aussagekräftig ist, wie stark gelobt wird und was dabei unerwähnt bleibt. Die folgenden vier Techniken sind dabei die häufigsten – meist wirken mehrere gleichzeitig, und erst ihr Zusammenspiel ergibt das eigentliche Urteil.
Pünktlichkeit ist eine Grundvoraussetzung. Wird ausgerechnet sie hervorgehoben, während fachliche Stärken fehlen, heisst das oft: mehr Positives gab es nicht zu berichten. Das Lob lenkt vom Wesentlichen ab – ein klassisches Muster, das erfahrene Leser sofort als Warnsignal einordnen.
Hier fehlt gleich zweierlei: das «vollen» in der Skala (also nur Note 5) und jede Aussage zur Qualität oder zum Engagement. Was nicht dasteht, ist die Botschaft – ein knapp genügendes Ergebnis ohne Höhepunkte.
Steht die Geselligkeit vor der Leistung, verschiebt sich der Fokus. In Kombination kann «gesellig» andeuten, dass die Person mehr für die Stimmung als für die Arbeit tat. Allein steht das Wort neutral – erst der Kontext macht es zum Signal.
Kleine Einschübe wie «insgesamt», «im Grossen und Ganzen» oder «grundsätzlich» relativieren leise. Sie deuten an, dass es Ausnahmen gab, ohne sie zu nennen. Fehlt das einschränkende Wort, ist die Aussage stärker – ein einziges Adverb verschiebt die Bewertung spürbar.
Nicht jede dieser Techniken ist Absicht. Oft schreibt eine Vorgesetzte einfach schnell und routiniert. Deshalb gilt: Ein einzelnes Muster ist ein Hinweis, kein Beweis – erst mehrere Signale zusammen ergeben eine belastbare Deutung. Ein einzelnes «grundsätzlich» in einem sonst starken Zeugnis ist meist harmlos; häufen sich Einschränkungen und Auslassungen dagegen, verdichtet sich daraus ein klares Bild.
Laden Sie es hoch. Sie erfahren, welche Formeln einer versteckten Notensprache folgen.
Codierte Standardformulierungen im Klartext
Neben der Zufriedenheitsskala gibt es eine Handvoll Standardsätze, die in fast jedem Zeugnis vorkommen und eine feste Bedeutung tragen. Für sich klingen sie harmlos, doch sie sind über Jahre so eingespielt, dass ein erfahrener Personaler sie beim Überfliegen sofort einer Notenstufe zuordnet. Kennen Sie diese Sätze, sparen Sie sich das Rätselraten bei den häufigsten Formeln – und erkennen umgekehrt, wann ein Satz eben doch nichts Schlimmes bedeutet.
Die folgende Übersicht ordnet die geläufigsten Formeln ein. Sie ersetzt keine Prüfung des Gesamtbilds, gibt aber einen verlässlichen Anhaltspunkt, wie stark ein einzelner Baustein gemeint ist. Lesen Sie die rechte Spalte bewusst als Klartext-Übersetzung – nicht als Urteil über das ganze Zeugnis, denn eine tiefe Note in einer Zeile kann durch ein starkes Umfeld relativiert werden.
| Formulierung | Note | Klartext |
|---|---|---|
| «… erledigte alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» | 1 | durchgehend sehr gute Leistung |
| «… zeigte Eigeninitiative und arbeitete selbstständig» | 1–2 | echtes Lob, sofern konkret belegt |
| «… verfügt über fundiertes Fachwissen und setzte es sicher ein» | 2 | Wissen vorhanden und angewandt |
| «… erledigte die übertragenen Arbeiten mit grossem Fleiss» | 4 | Fleiss betont, Ergebnis offengelassen |
| «… hat unseren Erwartungen entsprochen» | 4–5 | gerade das Nötige, nicht mehr |
| «… trug zu einem guten Betriebsklima bei» | 4–5 | Geselligkeit betont, Leistung offen |
| «… war stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden» | 5 | der Wille zählte, das Ergebnis nicht |
«Bemüht» ist der bekannteste Code überhaupt. Gelobt wird die Anstrengung, nicht das Resultat – im Klartext: Die Person gab sich Mühe, das Ergebnis blieb aber schwach. Das «stets» verstärkt die Aussage nicht etwa ins Positive, sondern macht die schwache Leistung nur zur Dauererscheinung.
Hier steht echtes Lob. Eigeninitiative und selbstständige Verantwortung sind mehr als die Grundpflichten – werden sie ausdrücklich genannt und mit Beispielen belegt, ist das ein starkes Signal nach oben. Bleibt es ohne Konkretisierung, ist es allerdings eine Floskel und rutscht Richtung Note 3.
«Wir lernten sie als gesellige und umgängliche Mitarbeiterin kennen.»
Ohne ein Wort zur Leistung ist «gesellig» ein bekanntes Warnsignal: Fachlich gab es wenig zu loben, also wurde die Umgänglichkeit in den Vordergrund gerückt – häufig Richtung Note 4 bis 5.
Diese Tabelle taugt als Anhaltspunkt, nicht als Urteil. Dasselbe «mit Fleiss» wiegt in einem sonst starken Zeugnis wenig und in einem knappen viel. Erst der Abgleich mit der Skala und dem Gesamtbild macht aus der Einordnung eine belastbare Note.
Ein Sonderfall: die Reihenfolge im Verhaltenssatz
Ein eigener, oft übersehener Teil des Codes steckt im Satz zum Verhalten. Üblich ist eine feste Reihenfolge der genannten Gruppen: zuerst Vorgesetzte, dann Mitarbeitende, dann Kundschaft. Diese Ordnung ist Konvention – Abweichungen und Auslassungen sind deshalb sprechend.
Wird eine Gruppe ans Ende gerückt oder ganz weggelassen, kann das andeuten, dass das Verhältnis zu dieser Gruppe weniger reibungslos war. Fehlen etwa die Vorgesetzten in einem Satz, der Mitarbeitende und Kundschaft lobt, ist das ein feiner, aber deutlicher Hinweis. Wie immer gilt: erst prüfen, ob es sich häuft, bevor man daraus schliesst.
| Formulierung | Reihenfolge | Mögliche Botschaft |
|---|---|---|
| «… stets einwandfrei gegenüber Vorgesetzten, Mitarbeitenden und Kundschaft» | vollständig, üblich | rundum gutes Verhalten |
| «… einwandfrei gegenüber Mitarbeitenden und Kundschaft» | Vorgesetzte fehlen | Verhältnis nach oben womöglich schwierig |
| «… gegenüber Kolleginnen und Kollegen stets beliebt» | nur eine Gruppe | Fokus auf Geselligkeit, wenig zu Vorgesetzten |
| «… korrekt gegenüber Vorgesetzten» | nur eine Gruppe, kühl | «korrekt» statt «einwandfrei» – zurückhaltend |
Zwei Gruppen werden gelobt, die dritte – die Vorgesetzten – fehlt. In der Zeugnissprache ist das ein bekanntes Muster: Was nicht erwähnt wird, war nicht uneingeschränkt gut. Ein einzelnes Auslassen ist noch kein Urteil, in Kombination mit einer tiefen Skala aber ein klares Signal.
Nicht jede Kürze ist Absicht. Kleine Betriebe fassen den Verhaltenssatz oft knapp. Erst wenn eine Gruppe gezielt fehlt, während andere ausführlich gelobt werden, wird die Auslassung zum Hinweis.
Eine Tabelle sagt Ihnen, was ein Satz bedeuten kann, nicht, was er in Ihrem Zeugnis bedeutet. Deshalb lohnt sich der Blick auf die stärkste Stufe der Skala, «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit», auf die mittlere Stufe «zur vollen Zufriedenheit» und auf eine typische Einschränkung wie «im Grossen und Ganzen».
Der Code am Ende: die Schlussformel lesen
Kaum ein Teil verrät so viel wie die letzten zwei Sätze. Die Schlussformel fasst zusammen, wie der Betrieb zum Abgang steht – und ob er die Person weiterempfehlen würde. Sie folgt einem festen Dreiklang: Bedauern über den Weggang, Dank für die Arbeit und gute Wünsche für die Zukunft. Fehlt einer dieser drei Teile, ist das selten ein Zufall.
Eine vollständige, warme Formel klingt etwa so: «Wir bedauern ihren Weggang, danken ihr für die stets wertvolle Mitarbeit und wünschen ihr für die berufliche wie private Zukunft weiterhin viel Erfolg.» Wird der Dank knapper, das Bedauern gestrichen oder nur «alles Gute» statt «viel Erfolg» gewünscht, sinkt die Temperatur spürbar. Besonders der berufliche Zukunftswunsch ist verräterisch: Fehlt das Wort «beruflich», empfiehlt der Betrieb die Person für den nächsten Job gerade nicht ausdrücklich.
| Schlussformel | Signal | Botschaft |
|---|---|---|
| «… bedauern den Weggang, danken für die wertvolle Mitarbeit, wünschen beruflich und privat viel Erfolg» | warm, vollständig | klare Empfehlung |
| «… danken für die Mitarbeit und wünschen alles Gute» | neutral | korrekt, aber kühl – kein Bedauern, kein «Erfolg» |
| «… wünschen für die Zukunft alles Gute» | knapp | kein Dank, keine Empfehlung |
| (keine Schlussformel) | fehlt ganz | deutliches Distanzsignal |
Auf den ersten Blick freundlich, im Code aber zurückhaltend: Es fehlen das Bedauern über den Weggang und der ausdrücklich berufliche Erfolgswunsch. Der Betrieb bleibt korrekt, aber distanziert – ein Signal, das erst im Vergleich mit der vollen Formel auffällt.
Ein wichtiger Vorbehalt: Einen Anspruch auf eine bestimmte Schluss-, Dankes- oder Wunschformel gibt es nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht. Fehlt sie, lässt sich das kaum erzwingen – wohl aber als Signal deuten. Umso genauer sollten Sie prüfen, ob die kühle Formel zum Rest passt: Steht sie unter einem sonst starken Zeugnis, war es vielleicht nur Routine; deckt sie sich mit einer tiefen Skala, verdichtet sich das Bild.
Warum eine Code-Tabelle allein nicht reicht
Im Netz kursieren lange Listen «Formulierung = Note». Sie sind ein guter Einstieg, aber gefährlich, wenn man sie wörtlich nimmt. Dieselbe Formulierung bedeutet je nach Branche, Position und Umfeld Unterschiedliches. Ein knapper Satz ist in einem kurzen Zeugnis normal und in einem ausführlichen ein Warnsignal. Auch die Branche prägt den Ton: In einem technischen Betrieb wird nüchterner formuliert als im Verkauf, wo Wärme und Kundenkontakt stärker betont werden.
Entscheidend ist das Gesamtbild: Passen Leistungs- und Verhaltensteil zusammen? Ist das Zeugnis vollständig? Steht die Schlussformel im Einklang mit dem Rest? Eine einzelne «gute» Formulierung rettet kein Zeugnis, das an drei anderen Stellen leise abwertet – und ein einzelner kühler Satz ruiniert kein sonst starkes Zeugnis. Deshalb liest man nie ein Wort, sondern immer das Ganze. Dazu gehört auch die Länge im Verhältnis zur Anstellungsdauer, die Vollständigkeit der Pflichtteile und die Frage, ob Leistungs- und Verhaltensteil dieselbe Sprache sprechen. Ein guter Test: Decken Sie einzelne Sätze ab und fragen Sie sich, welche Note das Zeugnis insgesamt vergibt. Fällt Ihnen keine klare Antwort ein, ist das Zeugnis meist solide – deutliche Abwertungen erzeugen fast immer einen konsistenten Gesamteindruck.
«‹zu unserer Zufriedenheit› – klingt doch gut, alles in Ordnung.»
«Note 5 in der Skala, kein Wort zur Qualität, keine Schlussformel – zusammen ein klar unterdurchschnittliches Zeugnis.»
Wenn drei kleine Signale zusammenkommen
Eine kaufmännische Angestellte (Pensum 100 %, EFZ) hatte ein Zeugnis, das Satz für Satz freundlich klang. Erst zusammengelesen zeigte sich das Muster: die Skala auf Stufe 4, das Wort «Belastbarkeit» ganz ausgelassen, die Schlussformel ohne Zukunftswünsche.
Mit dieser Klarheit konnte sie gezielt zwei Punkte ansprechen – und der Betrieb hob die Skala auf Stufe 3 an. Ergebnis: ein spürbar stärkeres Zeugnis, ganz ohne Streit. Entscheidend war nicht juristischer Druck, sondern dass sie genau benennen konnte, welche drei Stellen das Gesamtbild drückten – der Betrieb sah das ein, weil die Argumente konkret und überprüfbar waren.
Wenn Sie den Durchgang gemacht haben, bleibt meist eine Handvoll unklarer Stellen. Für diese hilft der Vergleich mit einem sehr guten Arbeitszeugnis, mit einem mangelhaften Zeugnis und mit der Frage, ob Ihr Zeugnis insgesamt schlecht oder gut ausfällt.
Was der Code darf – und was nicht
Der Ton darf die Bewertung tragen, aber er hat Grenzen. Ein Zeugnis muss wahr und klar sein. Geheime Zeichen, versteckte Merkmale oder Formulierungen, die den Arbeitnehmer bewusst und für Aussenstehende unerkennbar herabsetzen, sind unzulässig. Wer den Verdacht hat, dass ein Satz gezielt schaden soll, kann eine Berichtigung verlangen. Der Grat ist allerdings schmal: Eine wohlwollend verpackte schwache Note ist zulässig, solange sie der Wahrheit entspricht. Unzulässig wird es erst, wenn ein Zeichen bewusst täuscht oder eine Aussage schlicht falsch ist. Der Unterschied ist für die Praxis entscheidend: Über eine zu tiefe, aber wahre Note lässt sich nur mit Belegen streiten; über eine unwahre Tatsache dagegen jederzeit. Bevor Sie etwas unternehmen, sollten Sie deshalb genau wissen, in welche der beiden Kategorien Ihr Fall fällt.
Auch hier gilt die geteilte Beweislast (Art. 8 ZGB): Eine belastende Aussage muss der Betrieb belegen; wollen Sie eine bessere Note als «gut», müssen Sie diese mit Belegen wie Zwischenzeugnissen oder Beurteilungen nachweisen. Ohne solche Nachweise bleibt die Skala meist, wie sie ist – nicht weil Sie im Unrecht wären, sondern weil vor Gericht die Beweislage entscheidet und nicht das Gefühl. Der Anspruch auf ein korrektes Zeugnis verjährt erst nach zehn Jahren (Art. 127 OR, Bundesgericht 4A_295/2020). Bevor Sie aber etwas anfechten, sollten Sie sicher sein, dass Sie den Code richtig gelesen haben – sonst streiten Sie über eine Formulierung, die gar keine Abwertung ist. Das ist der häufigste Fehler überhaupt: Aus Sorge liest jemand eine Kritik in einen völlig neutralen Satz und verdirbt sich mit einer unnötigen Beschwerde das Verhältnis zum früheren Betrieb – ohne dass sein Zeugnis tatsächlich schwach gewesen wäre.
| Im Zeugnis | Erlaubt? | Grund |
|---|---|---|
| Wohlwollende Umschreibung einer schwachen Leistung | Ja | Ton darf Note tragen, solange wahr |
| Weglassen einer nicht belegbaren Kritik | Ja, sogar nötig | Belastung muss beweisbar sein |
| Geheimes Zeichen, das heimlich abwertet | Nein | Klarheitsgrundsatz, Art. 330a OR |
| Unwahre negative Tatsache | Nein | Wahrheitsprinzip |
So lesen Sie Ihren Zeugniscode in fünf Minuten
Sie brauchen keine Ausbildung, um die gröbsten Signale selbst zu erkennen. Gehen Sie das Zeugnis in einer festen Reihenfolge durch, dann ordnet sich das Bild fast von selbst. Wichtig ist nur, dass Sie nicht bei Satz eins hängen bleiben, sondern zuerst das Ganze überfliegen.
Suchen Sie zuerst die Zufriedenheitsformel und ordnen Sie die Skala ein. Prüfen Sie dann, ob die wichtigen Bereiche Ihrer Tätigkeit überhaupt vorkommen – fehlt Ihre Kernaufgabe, ist das ein Signal. Achten Sie danach auf die Reihenfolge: Was zuerst und ausführlich beschrieben wird, gewichtet der Betrieb höher. Zum Schluss lesen Sie die Schlussformel: Stehen dort Dank und berufliche Zukunftswünsche? Diese vier Handgriffe – Skala, Vollständigkeit, Reihenfolge, Schluss – decken die allermeisten Fälle ab. Sie ersetzen keine fachliche Auswertung, geben Ihnen aber schnell ein verlässliches Gefühl dafür, ob Ihr Zeugnis solide ist oder eine genauere Prüfung verdient.
Ein Techniker überflog sein Zeugnis in fünf Minuten: Skala Stufe 3, alle Aufgaben genannt, Schlussformel vollständig. Kein Grund zur Sorge – vieles, was er zuvor «komisch» fand, war schlicht branchenüblicher Ton.
Nehmen Sie sich für diesen Durchgang bewusst Zeit und lesen Sie das Zeugnis einmal laut. Was beim stillen Überfliegen glatt wirkt, klingt vorgelesen oft anders – ein abrupter Schluss oder eine ausgelassene Stärke fällt beim Hören sofort auf. Erst danach entscheiden Sie, ob sich ein Gespräch mit dem Betrieb lohnt.
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- Was erklärt wird
- Die Zufriedenheitsskala, die vier Codier-Techniken und warum das Gesamtbild zählt.
- Woher die Angaben stammen
- Obligationenrecht (Art. 330a, 8, 127 OR), Klarheitsgrundsatz, Bundesgericht (BGE 136 III 510 zum Wohlwollensgebot; 4A_295/2020 zur Verjährung).
- Was bewusst nicht angeboten wird
- Keine Rechtsberatung, keine Vertretung, keine Prozessführung.
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Was ist der Zeugniscode überhaupt?
Der Zeugniscode ist eine eingespielte Bewertungssprache, keine Geheimschrift. Weil ein Zeugnis wohlwollend klingen muss, wird Kritik in freundliche Worte verpackt. Die Note ergibt sich aus einer festen Zufriedenheitsskala, aus Auslassungen und aus der Reihenfolge der Aussagen. Das Muster ist bekannt und lässt sich lesen lernen.
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Was bedeutet «zu unserer Zufriedenheit» ohne Zusatz?
Das ist die schwächste Stufe der Zufriedenheitsskala und entspricht etwa der Note 5, also mangelhaft. Fehlt das Wort «vollen» oder «vollsten», ist die freundlich klingende Formel in Wahrheit klare Kritik. «Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» dagegen ist die Höchstwertung, Note 1.
Warum reicht eine Code-Tabelle aus dem Internet nicht?
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Sind geheime, abwertende Zeichen im Zeugnis erlaubt?
Nein. Ein Zeugnis muss klar und wahr sein. Versteckte Merkmale, die den Arbeitnehmer heimlich und für Aussenstehende unerkennbar herabsetzen, verstossen gegen den Klarheitsgrundsatz (Art. 330a OR). Wer einen solchen Verdacht hat, kann eine Berichtigung verlangen – der Anspruch verjährt erst nach zehn Jahren.
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