Stand: September 2026
Geheimsprache im Arbeitszeugnis – warum es kein Wörterbuch gibt
Die verbreitetste Vorstellung über Zeugnisse ist falsch, und die richtige Erklärung ist einfacher, als der Mythos vermuten lässt.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Kein Code, sondern eine Folge zweier Pflichten.
- Vier Mechanismen erzeugen alle Muster.
- Listen scheitern am Kontext.
- Ein Einzelbefund ist kein Befund.
- Sorgfalt des Textes ist der beste Massstab.
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Warum es kein Wörterbuch gibt
Die Vorstellung eines Zeugniscodes ist attraktiv, weil sie eine einfache Lösung verspricht: eine Liste, ein Nachschlagen, eine Antwort. Sie hält allerdings keiner Prüfung stand. Es gibt keine Stelle, die einen solchen Code herausgibt, keine Vereinbarung zwischen Betrieben und keine Ausbildung, in der er gelehrt würde. Die meisten Menschen, die Zeugnisse schreiben, tun das ein paarmal im Jahr und benutzen dafür eine Vorlage.
Dass die Vorstellung sich trotzdem hält, hat einen guten Grund: Die Muster existieren wirklich. Was falsch ist, ist nur die Erklärung. Sie entstehen nicht aus einem geheimen Einverständnis, sondern daraus, dass alle vor derselben Aufgabe stehen – freundlich bleiben und trotzdem nicht mehr behaupten, als stimmt. Wer diese Aufgabe löst, kommt fast zwangsläufig auf dieselben Lösungen.
Für Sie hat das eine praktische Folge: Eine Formulierung in einer Liste nachzuschlagen, führt regelmässig in die Irre. Sie brauchen keine Übersetzung, sondern eine Frage – nämlich, ob an dieser Stelle etwas fehlt, das man hätte erwarten können. Diese Frage können Sie beantworten, weil Sie Ihre Stelle kennen. Eine Liste kann es nicht.
Ein zweiter Punkt kommt dazu, der in der Schweiz besonders zählt: Viele Zeugnisse werden hier nicht von einer Personalabteilung geschrieben, sondern von der direkten Vorgesetzten – in einem Betrieb mit acht Mitarbeitenden von der Inhaberin selbst. Diese Person kennt weder Zeugniscodes noch Formulierungslisten. Sie schreibt, was sie denkt, in der Sprache, die ihr vertraut ist, und orientiert sich am letzten Zeugnis, das sie ausgestellt hat. Ein Grossteil der Formulierungen, die im Internet als verstecktes Signal geführt werden, entsteht auf diesem Weg – ohne dass jemand eine zweite Bedeutung mitgemeint hätte.
Eine Wortliste aus dem Internet neben das eigene Zeugnis legen und Treffer zählen. Solche Listen stammen häufig aus deutschen Quellen, ignorieren die Umgebung und erzeugen Sorgen, wo keine sind, oder Beruhigung, wo eine Lücke steht.
Wie die Indirektheit entsteht
Zwei Pflichten stehen im Zeugnis nebeneinander. Die eine verlangt Wahrheit: Es darf nichts behauptet werden, was nicht stimmt. Die andere verlangt Wohlwollen: Der Text soll das berufliche Fortkommen nicht ohne Not erschweren. Solange die Beurteilung gut ausfällt, kollidieren sie nicht. Sobald etwas nicht rundlief, kollidieren sie sofort.
| Mittel | Was im Text geschieht | Wie es wirkt |
|---|---|---|
| weglassen | eine erwartbare Aussage fehlt | Umkehrschluss: gilt als nicht zutreffend |
| umschreiben | eine Aufgabe statt einer Bewertung | klingt neutral, bewertet nicht |
| abschwächen | ein einschränkendes Wort vor der Bewertung | Ausnahmen werden eingeräumt |
| betonen | Selbstverständliches wird eigens gelobt | wirkt schwach statt stark |
| kürzen | der ganze Text bleibt knapp | wirkt gleichgültig, selten gezielt |
Laden Sie Ihr Zeugnis hoch und schreiben Sie dazu, welche Stelle Sie stutzig macht. Sie bekommen eine Einordnung im Zusammenhang des ganzen Textes – nicht aus einer Liste.
Die vier Mechanismen
Alles, was als Geheimsprache gilt, lässt sich auf vier Mechanismen zurückführen. Sie zu kennen ersetzt jede Liste, weil sie erklären, warum eine Formulierung wirkt, und nicht nur behaupten, dass sie es tut.
Weggelassen ist die Bewertung der Arbeit. Umschrieben ist die Tätigkeit als blosse Zuteilung. Betont sind zwei Selbstverständlichkeiten. Kein einziges Wort ist negativ, und trotzdem enthält der Satz keine positive Aussage über die Leistung. Genau so entsteht der Eindruck eines Codes.
Die Aufgabe ist benannt, die Selbstständigkeit steht da, die Bewertung ist ausgesprochen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind jetzt eine Zugabe und wirken nicht mehr als Ersatz. Es hat sich nichts an den beiden Grundtugenden geändert – nur an ihrer Umgebung.
| Mechanismus | Prüffrage | Wenn ja |
|---|---|---|
| Auslassung | Fehlt eine Aussage, die zur Funktion gehört hätte? | stärkster Befund, gut belegbar |
| Umschreibung | Steht eine Tätigkeit dort, wo eine Bewertung stehen müsste? | deutlicher Befund |
| Abschwächung | Steht ein einschränkendes Wort vor der Bewertung? | mittlerer Befund, oft Vorlage |
| Betonung | Werden Selbstverständlichkeiten eigens gelobt? | nur zusammen mit einer Lücke ein Befund |
Die Reihenfolge ist bewusst gewählt: Sie entspricht der Stärke des jeweiligen Befunds. Eine Auslassung lässt sich benennen und belegen, weil Sie wissen, was Sie getan haben. Eine Betonung dagegen ist reine Deutung und hält keiner Nachfrage stand. Beginnen Sie beim Lesen Ihres eigenen Zeugnisses deshalb mit der ersten Zeile und arbeiten Sie sich nach unten – nicht umgekehrt. Welche einzelnen Formulierungen dabei am häufigsten auftauchen, sammelt die Liste der Warnzeichen.
Er berichtet über die Umstände des Endes und bewertet nichts. Trotzdem wird er regelmässig als verstecktes Urteil gelesen – ein Musterbeispiel dafür, wie eine Deutung entsteht, wo gar keine gemeint war. Was die Formel tatsächlich aussagt, behandelt «Im gegenseitigen Einvernehmen».
Eine Fachfrau Betreuung EFZ brachte uns ein Zeugnis mit fünf angestrichenen Stellen. Vier davon standen in einer Internetliste, eine war eine echte Lücke im Verhaltenssatz. Wie dieser Teil gelesen wird, zeigt Sozialverhalten im Zeugnis; welche Stufe der ganze Text am Ende ergibt, erklärt Zeugnisnote verstehen.
Warum der Zusammenhang alles ändert
Der wichtigste Grund, warum Listen scheitern: Dieselbe Formulierung bedeutet in zwei Zeugnissen Verschiedenes. Entscheidend ist nicht das Wort, sondern die Sorgfalt des Textes, in dem es steht. Ein durchgehend genauer Text mit einer Abweichung sagt etwas. Ein durchgehend knapper Text sagt vor allem, dass jemand wenig Zeit hatte.
Diese Vierfeldertafel beantwortet auch die Frage, warum zwei Menschen mit ähnlichen Zeugnissen zu ganz verschiedenen Einschätzungen kommen. Wer nur die eine auffällige Stelle betrachtet, sieht in beiden Fällen dasselbe. Wer den ganzen Text einbezieht, sieht im einen Fall einen sorgfältigen Autor, der an genau dieser Stelle abgewichen ist, und im anderen einen, der überall gleich knapp geblieben ist. Die erste Beobachtung trägt eine Aussage, die zweite nicht, und der Unterschied zwischen beiden ist der eigentliche Ertrag dieser Seite.
Eine Randbemerkung, die vielen weiterhilft: Die vier Mechanismen erklären auch, warum zwei Zeugnisse aus demselben Betrieb sich stark unterscheiden können. Wer den Text schreibt, greift auf die Vorlage zurück, die gerade offen ist, und Vorlagen wandern zwischen Abteilungen. Wie unterschiedlich derselbe Betrieb formulieren kann, zeigt sich besonders im Schlussteil, den Schlussformel verstehen behandelt.
Wie Sie selbst prüfen
Der Ablauf ist kurz und braucht keine Vorkenntnisse. Lesen Sie das Zeugnis zweimal: einmal auf Vollständigkeit, einmal auf Abweichungen. Beim ersten Durchgang zählen Sie, ob alle Bausteine vorhanden sind – Aufgaben, Leistungsbewertung, Verhalten, Schluss. Beim zweiten Durchgang suchen Sie die vier Mechanismen.
Einzelne Sätze googeln und Bedeutungen aus Listen übernehmen – oft aus Quellen, die für ein anderes Land geschrieben wurden.
Erst Bausteine zählen, dann Abweichungen suchen, dann prüfen, ob der Text insgesamt sorgfältig oder knapp ist.
Für den ersten Durchgang genügt eine Checkliste mit fünf Zeilen: Steht die Funktionsbezeichnung da? Steht der Zeitraum da? Wird beschrieben, was Sie getan haben? Wird die Leistung bewertet? Wird das Verhalten bewertet und ein Schluss gezogen? Fehlt eine dieser fünf Zeilen, brauchen Sie den zweiten Durchgang gar nicht – die Lücke ist der Befund, und sie ist zugleich der Punkt, an dem eine Nachfrage am meisten bewirkt. Erst wenn alle fünf Zeilen vorhanden sind, lohnt sich der genaue Blick auf Wortwahl und Verstärker.
Wenn Sie am Ende einen Befund haben, prüfen Sie noch die entscheidende Zusatzfrage: Passt er zu dem, was Sie über Ihre Zeit im Betrieb wissen? In vielen Fällen ist die Antwort ein klares Nein, und dann ist die Nachfrage besonders aussichtsreich, weil es tatsächlich eine Nachlässigkeit war. Wie ein solches Schreiben aufgebaut wird, zeigt Arbeitszeugnis korrigieren lassen.
Ein Satz aus der Liste, der nichts bedeutete
Eine Coiffeuse EFZ, 26, drei Jahre in einem Salon im Kanton Neuenburg, fand die Formulierung «bemühte sich stets» in einer Internetliste als schweres Warnzeichen. In ihrem Zeugnis stand sie im Zusammenhang mit einer Weiterbildung, die sie berufsbegleitend absolviert hatte – dort war das Bemühen tatsächlich gemeint und positiv formuliert. Die Leistungsbewertung stand vollständig eine Zeile darüber. Der vermeintliche Befund verschwand, sobald der ganze Absatz gelesen wurde.
Konstruiertes Beispiel zur Veranschaulichung, kein realer Kundenfall.
Wer viele Zeugnisse liest, deutet einzelne Formulierungen deutlich weniger stark als Ratgeber vermuten lassen. Aufmerksamkeit erzeugen vor allem Lücken und Widersprüche – also das, was sich ohne Sprachkenntnis erkennen lässt.
Was rechtlich gilt
Grundlage ist Art. 330a OR: Das Zeugnis muss sich über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie über Leistung und Verhalten aussprechen und dabei wahr und wohlwollend sein. Beide Anforderungen zusammen erzeugen die Indirektheit, um die es auf dieser Seite geht – sie sind ihre Ursache und zugleich ihre Grenze.
Verdeckte Abwertungen sind unzulässig, weil Art. 328 OR Ihre Persönlichkeit schützt. Das klingt eindeutiger, als es in der Anwendung ist: Eine knappe Formulierung wird erst dann zur unzulässigen Abwertung, wenn sie den Text bewusst in ein falsches Licht rückt. Diese Absicht lässt sich einem Zeugnis nicht ansehen, weshalb der praktische Weg fast immer über die Nachfrage führt und nicht über eine rechtliche Auseinandersetzung. Der Anspruch auf das Zeugnis verjährt nach zehn Jahren gemäss Art. 127 OR; das Bundesgericht hat das ausdrücklich so entschieden (BGer 4A_295/2020). Die kurze Frist von fünf Jahren nach Art. 128 Ziff. 3 OR betrifft Lohnforderungen, nicht das Zeugnis. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
Fragen Sie einmal nach dem Grund und akzeptieren Sie eine sachliche Antwort. Über die Deutung einer Formulierung lässt sich kaum streiten, über eine fehlende Aufgabe, eine fehlende Personengruppe oder einen fehlenden Dank dagegen gut. Bleibt jede Reaktion aus, führt der Weg zur Schlichtungsbehörde Ihres Kantons; das Verfahren in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten ist in aller Regel kostenlos.
Zeugnis entschlüsseln lassen
Dafür müssen Sie nicht auf eine andere Seite wechseln. Zeugnis hochladen, mehr braucht es nicht. Die Auswertung kommt als PDF und Word-Datei per E-Mail.
Woran sich diese Seite hält
- Rechtsgrundlage
- Der Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis ergibt sich aus Art. 330a OR; es muss wahr und wohlwollend sein. Dass es dabei wahr und zugleich wohlwollend zu formulieren ist, hat das Bundesgericht aus dieser Bestimmung abgeleitet (BGE 136 III 510).
- Persönlichkeitsschutz
- Verdeckte Abwertungen sind unzulässig; Art. 328 OR schützt Ihre Persönlichkeit auch im Zeugnis.
- Kein Code
- Es existiert keine offizielle Zeugnissprache, keine amtliche Liste und keine verbindliche Übersetzungstabelle. Die beschriebenen Muster sind Beobachtungen aus der Praxis.
- Grenzen der Deutung
- Ob eine Formulierung beabsichtigt war, lässt sich einem Text nicht ansehen. Diese Seite beschreibt Wirkung, nicht Absicht.
- Frist
- Der Anspruch auf das Zeugnis verjährt nach zehn Jahren gemäss Art. 127 OR; das Bundesgericht hat das ausdrücklich so entschieden (BGer 4A_295/2020). Die kurze Frist von fünf Jahren nach Art. 128 Ziff. 3 OR betrifft Lohnforderungen, nicht das Zeugnis. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
- Für wen diese Seite ist
- Für Angestellte in der Schweiz, die im Internet auf Zeugniscode-Listen gestossen sind und wissen möchten, was davon trägt.
Häufige Fragen
Gibt es eine offizielle Geheimsprache im Arbeitszeugnis?
Nein. Es existiert keine Liste, kein Code und keine vereinbarte Übersetzungstabelle. Was es gibt, sind sprachliche Konventionen. Kritik darf ausdrücklich genannt werden, wenn sie wahr und für die Gesamtbeurteilung wesentlich ist; daneben können Auslassung, Reihenfolge und Wortwahl eine indirekte Wirkung entfalten. Diese Indirektheit ist die Folge des Gebots von Wahrheit und Wohlwollen, nicht eines Geheimbunds.
Warum reichen Wörterbuchlisten nicht?
Weil dieselbe Formulierung je nach Umgebung verschieden wirkt. «War pünktlich» in einem Zeugnis mit ausführlicher Aufgabenliste ist eine Nebenbemerkung, in einem knappen Zeugnis ohne fachliches Lob ein Befund. Eine Liste kennt den Kontext nicht und liefert deshalb falsche Sicherheit.
Woran erkenne ich, ob etwas gemeint war?
An der Sorgfalt des übrigen Textes. Ein Zeugnis mit genauer Aufgabenliste, vollständigem Verhaltenssatz und warmem Schluss ist bewusst geschrieben – dort fällt eine einzelne Abweichung ins Gewicht. Ein durchgehend knapper Text ist meist Routine, und dann bedeutet die Abweichung wenig.
Sind versteckte Abwertungen erlaubt?
Nein. Ein Zeugnis muss wahr und wohlwollend sein; verdeckte Abwertungen sind unzulässig, weil Art. 328 OR die Persönlichkeit schützt. In der Praxis ist die Grenze allerdings fliessend – zwischen einer knappen Formulierung und einer verdeckten Abwertung liegt oft nur die Absicht, und die lässt sich dem Text nicht ansehen.
Was tue ich, wenn ich etwas gefunden habe?
Zuerst prüfen, ob es ein Muster ist oder ein Einzelfall. Dann sachlich nachfragen: die Stelle zitieren, den gewünschten Wortlaut mitliefern, eine Frist von zwei bis drei Wochen nennen. Auf Deutungen und Unterstellungen verzichten – sie machen aus einer Formsache eine Auseinandersetzung.




