Stand: August 2026
«Im Grossen und Ganzen» – wie Einschränkungswörter ein Zeugnis absenken
Vier Wörter, die höflich klingen und die Bewertung zurücknehmen. Sie kommen selten allein – es gibt eine ganze Familie davon.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Kein einzelnes Wort, sondern eine ganze Klasse.
- Im Verhaltenssatz wiegt sie schwerer als beim Leistungssatz.
- Einmal ist ein Zufall, dreimal ist ein Ton.
- Streichung ist eine kleine Bitte, und oft erfolgreich.
- Belege schlagen Sprachargumente.
| Zusatz | Wie er gelesen wird | Gewicht |
|---|---|---|
| insgesamt | Gesamteindruck stimmt, Einzelnes bleibt offen | leicht |
| im Wesentlichen | das Wichtige stimmte, Nebensächliches nicht immer | mittel |
| im Grossen und Ganzen | meistens ja, mit erkennbaren Ausnahmen | mittel |
| weitgehend | zu einem grossen Teil, aber nicht vollständig | mittel bis stark |
| überwiegend | mehr ja als nein, und damit auch nein | stark |
| meistens | regelmässige Ausnahmen werden eingeräumt | stark |
| in der Regel | es gab eine Regel und es gab Abweichungen | stark |
| grundsätzlich | im Prinzip ja, in der Umsetzung nicht immer | stark |
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Warum das eine ganze Klasse ist
Wer nach «im Grossen und Ganzen» sucht, sucht meistens zu eng. Die Wendung ist ein Vertreter einer Gruppe, die alle dasselbe tun: Sie stellen der Bewertung einen Vorbehalt voran. Der Satz bleibt freundlich, die Aussage wird relativiert, und genau darin liegt die Wirkung.
Der Mechanismus ist schnell erklärt. Eine Bewertung ohne Zusatz gilt uneingeschränkt. Sobald ein einschränkendes Wort davorsteht, wird ausdrücklich gesagt, dass es Fälle gab, in denen sie nicht galt. Niemand muss diese Fälle benennen; das Wort allein genügt, damit die Leserin sie mitdenkt. Deshalb wirkt ein Einschränkungswort anders als schlichtes Weglassen: Weglassen lässt eine Frage offen, ein Einschränkungswort beantwortet sie.
Für die Praxis heisst das: Lesen Sie Ihr Zeugnis nicht mit einer Wortliste, sondern mit einer Frage. Steht vor irgendeiner Bewertung ein Wort, das die Aussage relativiert? Wenn ja, gehört es in diese Klasse, auch wenn es auf keiner Liste steht. Formulierungen wie «soweit uns bekannt», «nach unserem Eindruck» oder «in dem uns bekannten Rahmen» sind dieselbe Bewegung mit anderen Mitteln.
Sich am Wort festbeissen und den Rest überlesen. Ein einzelner Zusatz in einem sonst sorgfältigen Zeugnis ist selten das Problem. Entscheidend ist, ob das Muster im Text wiederkehrt, und ob die Aufgabenliste, der Verhaltenssatz und der Schluss vollständig sind.
Wo der Zusatz steht, entscheidet
Dasselbe Wort wiegt nicht überall gleich. Ein Zeugnis besteht aus Bausteinen, die unterschiedlich gelesen werden, und eine Einschränkung übernimmt jeweils die Bedeutung ihres Bausteins. Leistung darf schwanken; das gilt als menschlich. Verhalten wird als Grundhaltung gelesen – eine Einschränkung dort wirkt darum wie ein Vorbehalt gegen die Person.
Der Verhaltenssatz steht ohne Vorbehalt und trägt den Text. Gelesen wird: fachlich schwankend, persönlich unproblematisch. Das ist eine klare Aussage, aber keine Abwertung der Person, und in vielen Bewerbungen kein Ausschlusskriterium.
Jetzt liegt der Vorbehalt beim Verhalten. Das wird deutlich schwerer gewichtet, weil Verhalten nicht als Tagesform gilt. Wer den Satz liest, rechnet mit Reibungen im Team, und fragt im Gespräch danach.
Laden Sie Ihr Zeugnis hoch. Sie bekommen eine Einordnung, in welchem Baustein der Zusatz steht, wie stark er dort wirkt und ob sich im Text ein Muster zeigt.
Hier wirkt nicht nur das Einschränkungswort, sondern auch das fehlende «voll» vor der Zufriedenheit. Zwei Signale in derselben Zeile verstärken einander, und genau das macht diese Fassung deutlicher als jede der beiden Abweichungen für sich. Wie die Formel ohne Verstärker allein wirkt, steht auf «Zu unserer vollen Zufriedenheit»; die vollständige Fassung behandelt die Formel mit «stets».
Eine Kauffrau EFZ fand den Zusatz in ihrem Zeugnis und zugleich eine ausführliche Aufgabenliste mit Zahlen. Sie liess die Formulierung stehen und bat stattdessen um eine Ergänzung im Verhaltenssatz. Das war die richtige Reihenfolge: Der stärkere Befund lag nicht beim Adverb. Wie sich eine Notenstufe insgesamt ableiten lässt, erklärt Zeugnisnote verstehen.
Wie stark er absenkt
Eine ehrliche Antwort vorweg: Es gibt keine Umrechnungstabelle, die ein Wort in eine Note übersetzt. Wer Ihnen sagt, «im Grossen und Ganzen» bedeute genau Note 4, rechnet mit einer Genauigkeit, die es nicht gibt. Was es gibt, ist eine Richtung und eine Bandbreite, und die hängt von zwei Dingen ab: vom Baustein und davon, ob der Zusatz allein steht oder wiederkehrt.
| Befund | Wie das gelesen wird | Was sinnvoll ist |
|---|---|---|
| ein Zusatz, Leistungssatz, sonst sauberer Text | Formulierungsroutine | Streichung erbitten, ohne Aufwand zu betreiben |
| ein Zusatz im Verhaltenssatz | gezielter Vorbehalt | nach dem Grund fragen, Antwort ernst nehmen |
| zwei Zusätze in verschiedenen Bausteinen | durchgehaltener Ton | beide Stellen zusammen ansprechen |
| drei oder mehr Zusätze | bewusst zurückhaltendes Zeugnis | Gesamtbild klären, bevor Sie einzelne Wörter verhandeln |
| Zusatz plus fehlender Dank im Schluss | zwei Signale in dieselbe Richtung | Schlussformel zuerst ansprechen, sie ist leichter zu ändern |
Die letzte Zeile ist der praktische Tipp aus dieser Tabelle. Über ein Adverb lässt sich schwer streiten, über eine unvollständige Schlussformel deutlich leichter, und ein vollständiger, warmer Schluss hebt den Gesamteindruck oft mehr, als die Streichung eines einzelnen Zusatzes es täte. Wie eine Schlussformel aufgebaut ist, steht auf Schlussformel verstehen.
Wann er harmlos ist
Es gibt Fälle, in denen der Zusatz kein Signal ist. Der erste ist die kurze Anstellung: Wer drei Monate bleibt, wird selten mit Superlativen beschrieben, und ein relativierendes Wort ist dann eher Vorsicht als Kritik. Der zweite ist die Branche – in manchen Betrieben gehört ein zurückhaltender Ton zur Hausschrift, und alle Zeugnisse aus diesem Haus lesen sich so.
Der dritte und häufigste Fall ist die Vorlage. Zeugnisse entstehen unter Zeitdruck, oft aus einem älteren Dokument, in dem der Zusatz schon stand. Niemand hat ihn geprüft, niemand hat ihn gemeint – er ist einfach mitgewandert. Das erkennen Sie daran, dass der Text an anderen Stellen ungewöhnlich genau ist: konkrete Zahlen, benannte Projekte, eine vollständige Aufgabenliste. Wer sich diese Mühe macht, wollte in aller Regel nicht verdeckt abwerten.
Ein vierter Fall wird oft übersehen: der Zusatz bei einer Selbstverständlichkeit. Wenn ein Zeugnis festhält, jemand sei «in der Regel pünktlich» gewesen, ist nicht das Adverb das Problem, sondern dass Pünktlichkeit überhaupt zur eigenen Aussage wird. Welche Eigenschaften in Zeugnissen als selbstverständlich gelten und welche als Lob zählen, behandelt «war zuverlässig»; worauf Personalverantwortliche in den ersten Sekunden schauen, steht auf Wirkung auf Arbeitgeber.
Zweimal dasselbe Wort, zwei Antworten
Eine Fachfrau Betreuung EFZ, 29, drei Jahre in einer Kita im Kanton Glarus. In ihrem Zeugnis stand der Zusatz im Leistungssatz und im Verhaltenssatz. Sie fragte beide Stellen in einer E-Mail an, jede mit einem Vorschlag für den neuen Wortlaut. Die Leitung strich den Zusatz im Leistungssatz kommentarlos und behielt ihn im Verhaltenssatz mit dem Hinweis auf zwei dokumentierte Konflikte im Team. Die Auskunft war unangenehm, aber brauchbar: Sie wusste im Bewerbungsgespräch, worauf sie sich vorbereiten musste.
Sachlich reagieren
Die Streichung eines Wortes ist die kleinste Bitte, die Sie an einen Betrieb richten können. Sie hat gute Chancen, wenn Sie zwei Regeln einhalten: die Stelle wörtlich zitieren und den gewünschten Wortlaut mitliefern. Verzichten Sie darauf zu begründen, warum Sie besser bewertet gehören – das verschiebt das Gespräch auf eine Bewertungsdebatte, in der der Betrieb am längeren Hebel sitzt.
«Die Einschränkung im Zeugnis ist unfair, ich habe durchgehend gute Arbeit geleistet und möchte, dass das geändert wird.»
«Ich bitte Sie, den Satz wie folgt zu fassen: ‚… erledigte die ihm übertragenen Arbeiten zur vollen Zufriedenheit.‘ Der übrige Text kann unverändert bleiben.»
Setzen Sie eine Frist von zwei bis drei Wochen und schreiben Sie an die Person, die unterschrieben hat. Kommt eine Absage mit Begründung, ist das kein verlorener Versuch: Sie wissen danach, wie Ihre Zeit im Betrieb gesehen wurde, und können im Bewerbungsgespräch darauf antworten, statt überrascht zu werden. Bleibt jede Reaktion aus, hilft eine sachliche Erinnerung mehr als eine Verschärfung.
Einschränkungswörter sind so verbreitet, dass sie allein selten eine Absage auslösen. Zum Thema werden sie, wenn im selben Zeugnis noch etwas anderes dünn ist – eine knappe Aufgabenliste, ein fehlender Dank, ein Verhaltenssatz ohne Personengruppen.
Ihr Anspruch und seine Grenze
Grundlage ist Art. 330a OR: Sie können ein Zeugnis verlangen, das sich über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses sowie über Leistung und Verhalten ausspricht, und es muss wahr und wohlwollend sein. Ein Anspruch auf ein bestimmtes Wort folgt daraus nicht. Wohl aber darauf, dass die Bewertung der tatsächlichen Leistung entspricht. Wenn Sie belegen können, dass es die eingeräumten Ausnahmen gar nicht gab, wird aus einer Sprachfrage eine Wahrheitsfrage.
Belege sind deshalb wirksamer als Argumente über Zeugnissprache: Zielvereinbarungen, Beurteilungsgespräche, dokumentiertes Lob, übernommene Zusatzaufgaben. Verdeckte Abwertungen sind unzulässig, weil Art. 328 OR Ihre Persönlichkeit schützt. Für die Verjährung gilt Art. 128 Ziff. 3 OR mit fünf Jahren; ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln vorsehen.
Fragen Sie einmal nach dem Grund und akzeptieren Sie eine sachliche Antwort. Bleibt jede Reaktion aus, führt der Weg zur Schlichtungsbehörde Ihres Kantons; das Verfahren in arbeitsrechtlichen Streitigkeiten ist in aller Regel kostenlos. Rechnen Sie damit, dass sich über ein einzelnes Adverb schwer streiten lässt – über eine fehlende Aufgabe, eine fehlende Personengruppe oder einen fehlenden Dank deutlich leichter.
Zeugnis einordnen lassen
Dafür müssen Sie nicht auf eine andere Seite wechseln. Zeugnis hochladen, mehr braucht es nicht. Die Auswertung kommt als PDF und Word-Datei per E-Mail.
Woran sich diese Seite hält
- Rechtsgrundlage
- Der Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis ergibt sich aus Art. 330a OR. Ein Anspruch auf eine bestimmte Formulierung folgt daraus nicht.
- Wahrheit und Wohlwollen
- Ein Zeugnis muss wahr und zugleich wohlwollend sein; verdeckte Abwertungen sind unzulässig. Den Persönlichkeitsschutz regelt Art. 328 OR.
- Woher die Abstufung stammt
- Die Reihenfolge der Einschränkungswörter ist eine Konvention der Personalpraxis, keine Rechtsregel und keine amtliche Skala. Sie wird hier beschrieben, weil sie die Lesewirkung erklärt.
- Keine Notenrechnung
- Aus einem einzelnen Wort lässt sich keine Note ableiten. Wer eine exakte Zahl verspricht, verspricht mehr, als der Text hergibt.
- Frist
- Forderungen aus dem Arbeitsverhältnis verjähren nach fünf Jahren gemäss Art. 128 Ziff. 3 OR. Ein Gesamtarbeitsvertrag kann günstigere Regeln enthalten.
- Für wen diese Seite ist
- Für Angestellte in der Schweiz, die in ihrem Zeugnis ein relativierendes Wort gefunden haben und wissen wollen, wie schwer es an dieser Stelle wiegt.
Häufige Fragen
Was bedeutet «im Grossen und Ganzen» im Arbeitszeugnis?
Es ist ein Einschränkungswort. Es bestätigt die Bewertung für den Gesamteindruck und nimmt sie für den Einzelfall zurück. Gelesen wird der Satz so: Meistens stimmte es, nicht immer. Damit liegt die Aussage rund eine bis zwei Stufen unter derselben Formulierung ohne Zusatz.
Welche Wörter wirken gleich?
«Weitgehend», «meistens», «in der Regel», «grundsätzlich», «im Wesentlichen», «überwiegend» und «insgesamt» gehören zur selben Klasse. Sie unterscheiden sich im Ton, kaum in der Wirkung. Wer eines davon findet, sollte den ganzen Satz und nicht nur das Wort beurteilen.
Ist ein solcher Zusatz immer negativ gemeint?
Nein. Er kann aus einer Vorlage stammen oder als sprachliche Abrundung gedacht sein. Ein Anhaltspunkt ist die Häufung: Steht die Einschränkung nur an einer Stelle und ist der übrige Text sorgfältig, ist sie meist Zufall. Steht sie mehrfach, ist sie ein Ton.
Kann ich die Streichung des Wortes verlangen?
Verlangen können Sie ein wahres und wohlwollendes Zeugnis nach Art. 330a OR, nicht eine bestimmte Formulierung. In der Praxis lohnt die Bitte trotzdem: Wenn Sie Belege für durchgehend gute Leistungen haben, ist die Streichung eine kleine und oft bewilligte Anpassung.
Wo im Zeugnis wiegt die Einschränkung am schwersten?
Im Verhaltenssatz. Leistung schwankt nachvollziehbar, Verhalten wird als Grundhaltung gelesen. «Sein Verhalten war im Grossen und Ganzen einwandfrei» wirkt deutlich stärker als derselbe Zusatz im Leistungssatz.



